Wenn du einen reaktiven Hund hast, kennst du das vielleicht: Er zieht an der Leine, keift Artgenossen an, wird beim Streicheln empfindlich – und du fragst dich, was du falsch machst. Wahrscheinlich nichts. Aktuelle Forschung zeigt: Bei bis zu 80 Prozent aller zu Verhaltensproblemen vorgestellten Hunde spielt Schmerz eine wesentliche Rolle (Mills et al., 2020, Übersichtsarbeit im Fachjournal Animals). Und ausgerechnet die Hunde, die schon immer so waren – Welpen, Junghunde, Tierschutzhunde – werden dabei am häufigsten übersehen. Was das für dich und deinen Hund heißt und was du konkret tun kannst, erfährst du in diesem Artikel aus meiner Praxis für Tierphysiotherapie und Osteopathie in Gräfelfing.

Stell dir drei Halterinnen vor. Alle drei sitzen mir in den letzten Jahren regelmäßig gegenüber – und alle drei haben eine Geschichte, die verdächtig ähnlich klingt.

Die erste ist die Welpen-Mama. Sie hat alles richtig gemacht: liebevoll gewählte Züchterin, Welpen-Buch gelesen, in die Hundeschule gegangen. Aber ihr kleiner Rüde ist von Anfang an anders. Er zieht an der Leine, egal was sie versucht. Er ist überreizt. Er keift Artgenossen an. Sie fragt sich: Was mache ich falsch?

Die zweite hat einen Tierschutzhund aus dem Ausland aufgenommen. Ein Traum von Hund – aber angefasst werden will er nicht. „Der ist halt nicht so verschmust“, sagen die Menschen um sie herum. „Der hat sicher schlechte Erfahrungen gemacht.“ Alle sind sich einig. Nur niemand hat sich seinen Körper wirklich angeschaut.

Die dritte hat einen Junghund, der Artgenossen einfach nicht mag. Von Anfang an nicht. Sie hat unzählige Trainer konsultiert, Bücher gelesen, Social-Media-Reels gesehen. Und irgendwann denkt sie: „Der ist halt so ein Typ.“

Wenn du dich in einer dieser Szenen wiedererkennst, dann lies unbedingt weiter. Weil dir vielleicht seit Monaten oder Jahren etwas Zentrales entgangen ist – etwas, das kaum jemand ernsthaft prüft, wenn ein Hund „schon immer so war“.

Schmerz beim reaktiven Hund – und zwar der Schmerz, den dein Hund vielleicht schon immer hatte. Der Leise. Der Unentdeckte. Der, den niemand mit seinem Verhalten in Verbindung bringt, weil er ja da ist, seit du den Hund kennst.

Hund aggressiv auf andere Hunde. Reaktiver Hund. Hund bellt andere Hunde an

Schmerzen verursacht Stress beim Hund – Stress lässt den Hund Schmerzen stärker wahrnehmen – eine ungünstige Verbindung für den Alltag – so entsteht schnell ein reaktiver Hund. Bild: KI

Das Wichtigste in Kürze

Verhalten, das „schon immer da war“, wird selten mit Schmerz in Verbindung gebracht – ein blinder Fleck, der viele Hunde jahrelang leiden lässt.

  • Die zentrale Übersichtsarbeit von Mills sagt: bei einem konservativen Drittel bis zu 80 % aller zu Verhaltensproblemen vorgestellten Hunde spielt eine schmerzhafte Grunderkrankung eine Rolle spielt
  • Besonders betroffen: Tierschutzhunde (weil Vorgeschichte unbekannt), Welpen und Junghunde (weil noch keine Vergleichsbasis besteht) und Rassen mit hoher Neigung zu orthopädischen Problemen.
  • Aktuelle Forschung zeigt: Bei muskuloskelettalen Erkrankungen kommen die Verhaltensveränderungen oft vor den körperlichen Zeichen. Lange bevor ein Halter Humpeln sieht, ist der Hund oft schon reaktiver, ängstlicher, empfindlicher.
  • Wenn Schmerz die Ursache ist, kann Verhaltenstraining allein nicht wirken. Der erste Schritt ist keine neue Trainingsmethode – sondern eine ganzheitliche körperliche Untersuchung.

Was Reaktivität beim Hund eigentlich ist – und was nicht

In der Hundeszene wird der Begriff „reaktiv“ heute inflationär verwendet – oft synonym mit „aggressiv“ oder „schwierig“. Das ist unpräzise und wird dem Hund nicht gerecht.

Fachlich beschreibt Reaktivität eine überschießende, häufig emotional stark aufgeladene Reaktion auf einen Umweltreiz. Der Hund bellt, keift, springt in die Leine, dreht sich beim Streicheln weg oder schnappt. Der Reiz kann alles Mögliche sein: ein anderer Hund, eine Person mit Hut, ein Kind, eine Berührung an einer bestimmten Körperstelle, ein Geräusch.

Wichtig zu verstehen: Reaktivität ist kein Ungehorsam. Sie ist kein Charakterzug. Sie ist die Antwort eines überforderten Nervensystems auf einen Reiz, mit dem es gerade nicht klarkommt. Wenn du das einmal so einordnest, verändert sich deine Perspektive auf deinen Hund grundlegend. Deswegen spreche ich inzwischen lieber von „reizsensibel“.

Der oft übersehene Zusammenhang: Reaktivität und Schmerz

Jetzt kommen wir zum Herzstück des Artikels. Denn was viele Halter nicht wissen: Ein erheblicher Teil der Verhaltensauffälligkeiten bei Hunden hat eine körperliche Ursache – oder wird zumindest durch eine solche massiv verstärkt.

Die zentrale Übersichtsarbeit dazu stammt von einem internationalen Team um den britischen Verhaltensmediziner Daniel Mills. In ihrer Analyse von hundert konsekutiv vorgestellten Hunden mit Verhaltensproblemen fanden die Autor:innen: Bei mindestens einem Drittel der Fälle lag eine schmerzhafte Grunderkrankung vor – in manchen Auswertungen sogar bei bis zu 80 Prozent. Und das sind konservative Zahlen.

Ein anderes Beispiel aus der Forschung, das mich als Physio besonders beeindruckt: In einer spanischen Studie über Hunde, die aggressives Verhalten zeigten, hatte in 75 Prozent der untersuchten Fälle muskuloskelettaler Schmerz – vor allem durch Hüftdysplasie und Ellenbogen-Arthrose – die Hauptrolle.

Nochmal, damit das ankommt: Drei von vier „aggressiven“ Hunden waren Hunde mit unentdeckten orthopädischen Problemen.

Warum ausgerechnet reaktive Hunde, „die schon immer so waren“, oft übersehen werden

Und jetzt zum eigentlichen Kern dieses Artikels – dem Punkt, der mir in meiner Praxis und im Hundetraining besonders am Herzen liegt.

Wenn ein Hund sich plötzlich verändert – wenn eine sonst ruhige Hündin auf einmal die Nachbarshündin anpöbelt, oder ein liebevoller Familienhund beim Streicheln knurrt – dann kommen die meisten Halter irgendwann auf die Idee: „Vielleicht steckt körperlich etwas dahinter.“ Auch gute Hundetrainer empfehlen dann meist zu Recht einen Tierarztbesuch oder einen Check-Up bei der Hundephysiotherapie.

Aber die Hunde, um die es mir hier geht, sind andere. Es sind die Hunde, die gefühlt schon immer so waren.

Der Tierschutzhund, der seit dem Einzug distanziert ist. Alles Verhalten wird der Vergangenheit zugeschrieben. „Der wurde bestimmt geschlagen.“ „Der kommt aus schlechten Verhältnissen.“ Diese Erklärungen sind oft plausibel, manchmal richtig – und sie führen fast automatisch dazu, dass niemand mehr weitersucht. Dabei kann derselbe Hund einfach Schmerzen haben. Schmerzen, die er schon in seinem alten Leben hatte, jetzt weiter hat, und für die er nie behandelt wurde.

Der Welpe oder Junghund, der von Anfang an überdreht, überreizt oder empfindlich ist. Halter denken „das wächst sich raus“ oder „ich mache im Training was falsch“. Der Gedanke, dass ein Welpe schon orthopädische Probleme haben könnte – Hüftdysplasie, Ellenbogendysplasie, Wirbelsäulen-Fehlbildungen, Patella-Probleme, muskuläre Dysbalancen – ist bei den wenigsten präsent. Bei Welpen ist der Blick fast immer nur auf Erziehung, Sozialisierung und Charakter gerichtet. Der Körper? Wird meist gar nicht ernsthaft geprüft, solange kein sichtbares Humpeln da ist.

Der „schwierige Charakter“. Manche Hunde bekommen Etiketten: „Der ist halt ein Terrier.“ „Der ist halt kein Kuschelhund.“ Sobald Verhalten als Charakter interpretiert wird, wird nicht mehr gesucht. Der Hund darf dann einfach so sein – auch wenn er in Wahrheit leidet.

Der zentrale Satz, den ich dir mitgeben möchte: Wenn du nichts anderes kennst, hältst du es für normal.

Und genau das ist der Punkt, an dem du deinen Hund verlieren könntest – im Sinne einer echten Chance, ihm zu helfen.

Warum Schmerz Verhalten so tiefgreifend verändert bis zu Reaktivität oder Aggression gegen andere Hunde

Wenn ein Hund chronisch Schmerzen hat – auch leise, unterschwellige Schmerzen –, verändert das seinen ganzen Innenzustand. Sein autonomes Nervensystem ist dauerhaft in erhöhter Alarmbereitschaft. Sein Cortisolspiegel bleibt hoch. Seine sogenannte Reizschwelle sinkt.

Was das im Alltag bedeutet: Ein gesunder Hund kann drei, vier, fünf Alltagsreize gleichzeitig verarbeiten – der Radfahrer, das Kind, der Nachbarshund, der Wind, der Regen. Ein Hund mit chronischem Schmerz hat viel weniger Puffer. Zwei Reize gleichzeitig – und er kippt in eine Reaktion, die nichts mehr mit „Erziehung“ zu tun hat, sondern schlicht mit Überforderung.

Und jetzt kommt der Aspekt, der bei „war schon immer so“-Hunden besonders wichtig ist: Wenn Schmerz schon im Welpenalter beginnt, prägt er die gesamte Entwicklung. Ein junger Hund, der ständig körperliche Missempfindungen hat, lernt nicht „die Welt ist sicher, ich kann entspannen“. Er lernt: „Mein Körper tut oft weh. Ich muss immer wachsam sein. Berührung kann unangenehm werden. Anstrengung auch.“

Das prägt seine Persönlichkeit. Deshalb wirkt es dann später wie Charakter. Ist es aber nicht – es ist eine Anpassungsleistung an dauerhafte Belastung.

Die Verdachtsmomente – auch bei „war schon immer so“-Hunden

Wie erkennst du nun, ob dein Hund körperliche Ursachen für sein Verhalten haben könnte? Achte im Alltag auf folgende Zeichen:

  • Bestimmte Berührungsstellen werden konsequent vermieden. Die Ohren. Die Rute. Die Pfoten. Die Lende. Kopf. Wenn dein Hund dich beim Streicheln subtil wegdrückt oder wegdreht, ist das eine Botschaft.
  • Dein Hund liegt immer nur in bestimmten Positionen. Nie ausgestreckt. Immer nur auf einer Seite. Ständig „aufgestützt“. Zusammengekugelt.
  • Bestimmte Bewegungen werden gemieden: Treppen. Ins Auto springen. Über die Türschwelle. Sich schnell hinsetzen. Aufstehen wirkt „steif“, auch wenn der Hund jung ist.
  • Reaktivität steigert sich bei nasskaltem Wetter, nach dem Aufstehen, nach langem Liegen oder bei Kälte. Klassisches Zeichen für einen körperlichen Grundpegel, der bei Belastung nach oben kippt.
  • Beim Spielen ist dein Hund plötzlich anders – bricht ab, wird bissig, wenn er in bestimmte Positionen kommt.
  • Er reagiert bei Berührung an Kopf, Ohren, Rute oder Pfoten empfindlich – zieht sich weg, wird starr, knurrt.
  • Sehr wichtig – und wissenschaftlich untermauert: Auch Geräuschempfindlichkeit hat oft eine körperliche Komponente. In einer Studie von Lopes Fagundes und Kolleg:innen (2018) zeigten Hunde mit muskuloskelettalen Schmerzen deutlich häufiger Angst vor Geräuschen als schmerzfreie Hunde.

Wenn du drei oder mehr dieser Punkte bei deinem Hund wiedererkennst, dann ist eine körperliche Abklärung überfällig – völlig egal, ob das Verhalten neu oder alt ist. Und wenn du noch über das Erkennen von Schmerzen und Auffälligkeiten beim eigenen Hund lernen möchtest sowie praktische Tests, die du direkt an deinem Hund machen kannst, schau dir unbedingt meinen Online-Workshop dazu an!

Warum reines Verhaltenstraining bei reaktiven Hunden hier oft an Grenzen stößt

Ich möchte in diesem Artikel ausdrücklich keine anderen Hundetrainer kritisieren.

Aber – und das ist wichtig – wenn Schmerz die Ursache oder ein wesentlicher Faktor für das Verhalten deines Hundes ist, kannst du noch so gut trainieren: Der Grundpegel bleibt hoch. Das Nervensystem bleibt überreizt. Der Hund kann die Ruhe, die du ihm gerade beibringen willst, körperlich nicht ausführen, weil sein System ihn nicht lässt.

Das ist wie wenn ein Mensch mit chronischen Kopfschmerzen ins Achtsamkeitsseminar geschickt wird. Achtsamkeit ist wunderbar. Aber der Kopfschmerz braucht zuerst eine andere Antwort.

Macht Training dennoch Sinn? Ja, natürlich. Neben Therapie, angepasst an die Einschränkungen, die diese Hunde nun mal haben. Weil ich diesen Vorteil von Wissen aus Therapie und Training habe, arbeite ich sehr gerne mit genau diesen Hunden und ihren Halter. Ich habe immer auch die körperlichen/gesundheitlichen Aspekte deines Hundes im Auge, nicht nur die reinen Trainingsschritte.

Was bei einem körperlichen Check wirklich passiert

Wenn ein Hund mit dem Etikett „reaktiv“ oder „schwierig“ bei mir in der Praxis bzw. Training vorgestellt wird, gehe ich anders vor als eine reine Verhaltensberatung.

Ich schaue mir seinen Bewegungsablauf an – im Stand, im Gehen, im Traben. Ich beobachte, wie er sich hinsetzt und wieder aufsteht (die Sit-to-Stand-Bewegung ist verräterisch). Ich taste seine Muskulatur ab. Ich prüfe die Gelenke – nicht nur die großen, auch die kleinen: Karpal, Tarsal, die Wirbelsäule, die einzelnen Facettengelenke. Ich schaue, wie er auf Druck an bestimmten Stellen reagiert.

Oft finde ich Dinge, die im normalen Tierarzt-Setting nicht auffallen – weil sie nur in Bewegung, in Ruhe oder unter gezielter Palpation sichtbar werden. Muskuläre Verspannungen. Bewegungseinschränkungen einzelner Wirbelsegmente. Frühe Zeichen von Dysplasien, die noch keine sichtbare Lahmheit machen. Fehlspannungen aus asymmetrischer Belastung.

Und dann ergibt das Verhalten des Hundes plötzlich einen ganz anderen Sinn.

Hundephysiotherapie Kathrin Schurig

Meine Hunde Flynn & Yuno: Chronisch krank, reizsensibel, Senior, Hibbelhund – ich versteh dich.

Zwei Fälle aus meiner Praxis

Der eine ist mein eigener Hund.

Ich habe ihn mit achteinhalb Wochen aus einer sogenannten Misch- oder auch Sportlinie geholt – ein Border Collie, wie er im Buche steht. Zumindest dachte ich das.

Von Anfang an war klar: Dieser Hund kommt nicht zur Ruhe. Ich musste ihn buchstäblich dazu bringen, sich hinzulegen. Sich auszuruhen. Zu schlafen. Ich habe damals gedacht, was viele denken: „Okay, du hast dir wohl ein besonders aufgekratztes Exemplar Border Collie ausgesucht. Sport-Linie – hoher Antrieb, schwierig zu regulieren.“ Das ist die naheliegende Erklärung. Und alle in meinem Umfeld haben mir das bestätigt.

Aber nach vier Wochen war für mich als Physio-Osteopathin klar: Das geht über ein normales Welpen-Verhaltensthema hinaus. Da muss körperlich noch etwas anderes im Spiel sein.

Und dann kam der Befund: Hüftdysplasie beidseits. Ellenbogendysplasie beidseits. Eine deformierte Lendenwirbelsäule. Probleme in der Halswirbelsäule. Dazu eine Augenerkrankung. In diesem kleinen, jungen Körper war schon so vieles nicht in Ordnung – und niemand hatte das zunächst auf dem Schirm. Was er gezeigt hat, war Unruhe, Überreiztheit, das Unvermögen, in einen Ruhezustand zu kommen. Und erst weitere Wochen später kamen dann die körperlichen Auffälligkeiten dazu.

Das war Schmerz. Und keine „Border-Collie-Angelegenheit“.

Genau das, was auch Malkani und Kolleg:innen 2024 in ihrer Studie belegen konnten: Bei Hunden mit muskuloskelettalen Erkrankungen treten Verhaltensveränderungen wie erhöhte Ängstlichkeit, verlängerte Erholung nach Stress oder reduzierte Interaktion oft vor den sichtbaren körperlichen Zeichen wie Humpeln, Lahmheit oder steifem Gang auf.

Das Verhalten ist das erste Symptom. Der Körper zeigt sich später.

Der zweite Fall stammt aus einer Hundeschule, in der ich vereinzelt unterrichte.

Ein junger Hund, der schlicht nicht zur Ruhe kam. Egal, was seine Halterin tat. Die Trainerin arbeitete klassisch: Ruhetraining, Deckentraining, Signal-Konditionierung. Alles solide, alles fachlich richtig – aber es funktionierte einfach nicht. Der Hund blieb aufgedreht, überreizt, konnte nicht abschalten.

Ich schaute ihn mir am Rand kurz an, und sah sofort einige Zeichen, die mir gar nicht gefielen. Ich habe der Halterin dringend geraten: „Lass diesen Hund umfassend körperlich untersuchen, bevor du weiter am Verhalten arbeitest.“

Das ist der Punkt. Auch eine gute, engagierte Hundetrainerin sieht diese Zusammenhänge oft nicht – weil sie in Verhaltenskategorien denkt, nicht in körperlichen. Das ist keine Kritik. Das ist Arbeitsteilung. Aber die Halter müssen wissen, dass Verhaltenstraining allein nicht immer die Antwort ist – und dass sie im Zweifel auch einen körperlichen Blick einholen dürfen und sollten.

Was jetzt zu tun ist – der ganzheitliche Blick auf reaktive Hunde

Wenn du beim Lesen dieses Artikels denkst: „Das könnte mein Hund sein“ – dann hab ich vier konkrete Schritte für dich:

1. Tierärztliche Basisabklärung. Blutbild, Grunduntersuchung, im Zweifel orthopädische Bildgebung (Röntgen, im begründeten Verdacht MRT). Sag deiner Tierärztin explizit: „Mein Hund zeigt Verhalten X. Ich möchte körperliche Ursachen ausschließen.“ Das rahmt den Termin völlig anders.

2. Ergänzende körperliche Untersuchung durch Physiotherapie oder Osteopathie. Wir sehen oft Dinge, die im klassischen Praxis-Setting nicht auffallen – gerade muskuläre Muster, subtile Bewegungseinschränkungen, versteckte Kompensationen.

3. Parallel Verhaltensarbeit – aber schmerzadaptiert. Wenn körperliche Probleme gefunden werden, muss das Training angepasst werden. Nicht mehr in Reize hineintrainieren, solange der Körper noch schmerzt. Erst den Grundpegel senken – dann behutsam neu aufbauen.

4. Alltag anpassen. Weniger Überforderung. Mehr echte Ruhe (nicht „Deckentraining bis der Hund liegt“, sondern Bedingungen, in denen er von sich aus zur Ruhe finden kann). Weniger Konfrontation mit Auslösern.

Dein Hund zeigt keine Bosheit – er kommuniziert

Der wichtigste Perspektivwechsel, den ich dir mitgeben möchte: Reaktivität ist keine „Charakterschwäche“ oder „Erziehungsfehler“. Sie ist Kommunikation.

Dein Hund sagt dir mit seinem Verhalten: „Ich komme gerade nicht klar.“ Und wenn du genau hinhörst und ihn nicht als „schwierig“ abstempelst, sondern als jemanden, der dir gerade etwas mitteilt – dann öffnet sich eine Tür.

Auch für Hunde, die jahrelang das Etikett „reaktiv“ oder „aggressiv“ oder „nicht sozialisierbar“ getragen haben, ist es fast nie zu spät. Wenn die körperliche Grundlage geklärt und, wo nötig, behandelt wird, hast du eine Chance auf Verbesserung. Natürlich lässt sich erlerntes automatisierte Verhalten nicht mal eben revidieren, nur weil weniger Schmerz vorhanden ist (mal abgesehen davon, dass wir ja auch noch das sog. Schmerzgedächtnis berücksichtigen müssen), aber ohne die Berücksichtigung vom Thema Schmerz wirst du kaum überhaupt eine Chance haben.

Fazit: Bevor du das Verhalten trainierst, hör auf den Körper

Wenn dein Hund reaktiv, überreizt oder „schwierig“ ist – ganz besonders dann, wenn er es schon immer war –, dann ist die erste Frage nicht: „Wie trainiere ich das weg?“

Die erste Frage ist: Was sagt mir sein Körper?

Die aktuelle Forschung ist eindeutig: Bei einem erheblichen Teil aller Verhaltensauffälligkeiten spielt Schmerz eine Rolle. Bei Welpen, Junghunden und Tierschutzhunden ist dieser Zusammenhang besonders oft übersehen, weil das Verhalten nie „anders“ war und deshalb niemand nach körperlichen Ursachen sucht.

Dein Hund ist nicht schwierig. Er versucht, dir etwas zu sagen. Deine Aufgabe ist es, richtig zuzuhören – und dazu gehört, seinen Körper ebenso ernst zu nehmen wie seine Seele.

Was du jetzt tun kannst, wenn du einen reaktiven Hund hast

Wenn du beim Lesen gedacht hast „das könnte mein Hund sein“ – dann warte nicht. Je früher der körperliche Blick dazukommt, desto besser die Prognose.

Für einen ganzheitlichen Check deines Hundes: Vereinbare einen Termin in meiner Praxis in Gräfelfing. Ich schaue mir deinen Hund im körperlichen wie Verhaltenskontext an – Physiotherapie, Osteopathie, Verhaltensbeobachtung unter einem Dach. Oft finden wir Dinge, die bisher übersehen wurden.

Für die tiefere Beschäftigung mit dem Thema: Schau dir meine Onlinekurse an. Dort lernst du Schritt für Schritt, wie du deinen Hund körperlich unterstützen kannst – als Ergänzung zur Behandlung in der Praxis oder als Basis, damit dein Hund im Alltag stabiler wird.

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Kann auch ein Welpe schon Schmerzen haben, die sein Verhalten prägen?

Ja, absolut – und das wird viel zu selten in Betracht gezogen. Erbliche orthopädische Erkrankungen wie Hüft- oder Ellenbogendysplasie sind bereits im Welpenalter angelegt und können früh muskuläre Fehlbelastungen und Schmerzen verursachen. Auch Fehlbildungen der Wirbelsäule, Patella-Probleme, oder muskuläre Dysbalancen aus falschem frühen Umgang (z. B. zu viel Treppensteigen, ungeeignete Untergründe) können bei jungen Hunden echte Schmerzen erzeugen. Das Tückische: Welpen zeigen selten Humpeln – sie zeigen Unruhe, Überreiztheit, „Nicht-zur-Ruhe-kommen“.

Mein Tierschutzhund wurde als „ängstlich aus schlechten Erfahrungen“ beschrieben – kann trotzdem Schmerz eine Rolle spielen?

Sehr wahrscheinlich sogar. Bei Tierschutzhunden aus dem Ausland ist die Vorgeschichte fast immer unbekannt, veterinärmedizinische Grundversorgung war oft lückenhaft, und viele Hunde bringen unentdeckte orthopädische oder chronisch-schmerzhafte Zustände mit. Das erklärt sein Verhalten dann nicht statt der schlechten Erfahrungen – sondern zusätzlich. Beides kann gleichzeitig wahr sein. Und beides braucht Beachtung.

Wie kann ich Schmerz erkennen, wenn mein Hund nie humpelt?

Achte weniger auf klassische Lahmheit und mehr auf subtile Zeichen: veränderte Liegepositionen, gemiedene Bewegungen (Treppen, Sprünge, schnelles Hinsetzen), Berührungsempfindlichkeit an bestimmten Stellen, veränderte Toleranz beim Streicheln, Verstärkung von Verhaltensproblemen bei nasskaltem Wetter oder nach dem Aufstehen. Die aktuelle Forschung zeigt: Bei Hunden mit muskuloskelettalen Problemen kommen Verhaltensveränderungen fast immer vor dem sichtbaren Humpeln (Malkani et al., 2024). Wer wartet, bis der Hund lahmt, verschenkt oft wertvolle Zeit.

Ab welchem Alter sollte ich meinen Welpen zum ersten Mal beim Physio checken lassen?

Ich empfehle einen ersten physiotherapeutischen Check zwischen der 12. und 16. Lebenswoche – auch wenn der Welpe vermeintlich „nichts hat“. Ein solcher Basis-Check gibt einen wertvollen Ausgangswert, dokumentiert die aktuelle Beweglichkeit und Muskulatur und lässt uns spätere Veränderungen viel besser einordnen. Bei Welpen mit auffälligem Verhalten (Unruhe, Überreiztheit, Nicht-zur-Ruhe-kommen) sollte der Termin früher stattfinden – nicht später.

Kann ich Verhaltenstraining und körperliche Behandlung parallel machen?

Ja, und das ist meist sogar der beste Weg. Wichtig ist die richtige Reihenfolge und Abstimmung: Zuerst den körperlichen Zustand klären und, wo nötig, behandeln – parallel das Training an den aktuellen Zustand des Hundes anpassen. Nicht in Reize hineintrainieren, solange der Grundpegel zu hoch ist. Erst wenn der Körper Erleichterung erfährt, kann das Nervensystem lernen, wieder herunterzufahren – und dann wirkt Verhaltenstraining nachhaltig.

Ist Reaktivität heilbar?

„Heilbar“ ist der falsche Begriff – aber deutlich verbesserbar in den meisten Fällen durchaus. Wichtig ist realistische Erwartung: Ein Hund mit einer Vorgeschichte aus chronischem Schmerz braucht Zeit, sein Nervensystem neu zu regulieren – aber die Veränderung ist möglich.

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Wissenschaftliche Quellen

Mills, D. S., Demontigny-Bédard, I., Gruen, M., Klinck, M. P., McPeake, K. J., Barcelos, A. M., Hewison, L., Van Haevermaet, H., Denenberg, S., Hauser, H., Koch, C., Ballantyne, K., Wilson, C., Mathkari, C. V., Pounder, J., Garcia, E., Darder, P., Fatjó, J., & Levine, E. (2020). Pain and Problem Behavior in Cats and Dogs. Animals, 10(2), 318.

Camps, T., Amat, M., Mariotti, V. M., Le Brech, S., & Manteca, X. (2012). Pain-related aggression in dogs: 12 clinical cases. Journal of Veterinary Behavior, 7(2), 99–102.

Malkani, R., Paramasivam, S., & Wolfensohn, S. (2024). Multidimensional Assessment of Welfare in Dogs with Musculoskeletal Disorders Using the Animal Welfare Assessment Grid. Animals, 14(2), 253.

Lopes Fagundes, A. L., Hewison, L., McPeake, K. J., Zulch, H., & Mills, D. S. (2018). Noise Sensitivities in Dogs: An Exploration of Signs in Dogs with and without Musculoskeletal Pain Using Qualitative Content Analysis. Frontiers in Veterinary Science, 5, 17. 

Barcelos, A. M., Mills, D. S., & Zulch, H. (2015). Clinical indicators of occult musculoskeletal pain in aggressive dogs. Veterinary Record, 176(18), 465.