Du hast einen unruhigen Hund, er kommt einfach nicht zur Ruhe. Er wandert durch die Wohnung, folgt dir vielleicht überall hin, wechselt ständig den Platz, hechelt, fiept vielleicht sogar. Oder er dreht draußen völlig auf, reagiert auf jeden Reiz, zieht an der Leine, bellt. Vielleicht hast du schon alles versucht: längere Spaziergänge, mehr Kopfarbeit, Schnüffelspiele, Auslastung ohne Ende. Aber irgendwie wird es nicht besser – oder sogar schlimmer.
Wenn dir das bekannt vorkommt, dann ist dieser Artikel für dich.

Ruheübungen können helfen um unruhigen Hunden zu helfen.

So sieht das bei euch die meiste Zeit nicht aus? Unruhige Hunde tuen sich oft drinnen wie draußen schwer.

Unruhiger Hund – also mehr Auslastung?

Wenn ein Hund nicht zur Ruhe kommt, lautet der erste Ratschlag auf der Hundewiese meistens: Der Hund ist unterfordert. Er braucht mehr Bewegung, mehr Beschäftigung, mehr Action. Also wird das Programm hochgefahren – längere Runden, mehr Ballspiele, intensiveres Training.
Manchmal – ok, eher selten – hilft das tatsächlich. Aber oft passiert etwas anderes: Der Hund wird fitter, ausdauernder – und noch unruhiger. Die Erholungsphasen werden kürzer, die Erwartungshaltung steigt, und du findest dich in einem Teufelskreis wieder, in dem du immer mehr tun musst, um den gleichen Effekt zu erzielen. Das liegt daran, dass Auslastung – besonders die körperliche, actionreiche Art – nicht automatisch zu Entspannung führt. Im Gegenteil: Sie kann das Erregungsniveau sogar weiter anheben.

Unruhiger Hund: Die Ursachen liegen oft tiefer

Ein Hund, der nicht zur Ruhe kommt, zeigt dir etwas. Sein Verhalten ist kein Defekt und keine böse Absicht – es ist eine Botschaft. Die Frage ist nur: Was will er dir sagen?
Die Ursachen für anhaltende Unruhe können vielfältig sein. Natürlich sollten gesundheitliche Probleme immer zuerst abgeklärt werden – Schmerzen, Schilddrüsenprobleme oder andere körperliche Beschwerden können Unruhe auslösen. Aber wenn der Tierarzt nichts findet, heißt das nicht, dass körperlich alles in Ordnung ist. Es heißt nur, dass keine Krankheit im klassischen Sinne vorliegt. Deswegen mein Rat, wenn du einen dauerhaft unruhigen Hund hast: Lass ihn auch mal bei der Hundephysiotherapie bzw. Hundeosteopathie durchchecken.

Der Körper deines Hundes trägt mehr als nur Muskeln und Knochen. Er trägt auch Anspannung, Stress, vielleicht sogar alte Erfahrungen, die sich körperlich festgesetzt haben. Emotionen sitzen nicht nur im Kopf – sie manifestieren sich im Körper. In verspannten Muskeln, in flacher Atmung, in einem Nervensystem, das ständig auf Alarm steht.

Hundebegegnungen sind bei vielen Hunde auch ein Faktor wie Unruhe. Das Nervensystem schafft nicht schnell genug wieder runterzufahren.

Ständige Alarmbereitschaft fordert seinen Tribut: mental wie körperlich.

Wenn der Körper nicht abschalten kann – Unruhe beim Hund als Thema des Nervensystems

Stell dir vor, du hättest einen anstrengenden, stressigen Tag. Dein Körper ist angespannt, dein Kopf rattert, du fühlst dich innerlich getrieben. Jetzt sagt dir jemand: Leg dich hin und entspann dich. Klingt einfach – aber es funktioniert nicht, weil dein Nervensystem noch im Aktivierungsmodus ist. Dein Körper hat nicht gelernt, herunterzufahren.

Bei Hunden ist es ähnlich. Manche Hunde haben nie richtig gelernt, sich zu regulieren. Vielleicht waren sie als Welpe schon reizüberflutet, vielleicht haben sie stressige Erfahrungen gemacht, vielleicht passt ihr Alltag nicht zu ihrem Nervensystem. Das Ergebnis: Sie sind innerlich ständig unter Strom – selbst wenn äußerlich nichts los ist. Ihr Körper findet keinen Weg in die Entspannung.

Und hier liegt der entscheidende Punkt: Du kannst diesen Zustand nicht wegtrainieren. Du kannst ihn nicht mit mehr Aktivität überdecken. Du darfst an einer anderen Stelle ansetzen.

Der Körper als Ansatzpunkt

Hier kommt ein Ansatz ins Spiel, der in der Hundewelt noch nicht so verbreitet ist, aber meiner Meinung nach Potenzial hat: die Arbeit über den Körper. Nicht im Sinne von Physiotherapie nach einer Verletzung, sondern als Weg, das Nervensystem zu regulieren, Anspannung zu lösen und dem Hund zu helfen, mehr zur Entspannung zu finden.

Die Grundidee ist einfach: Wenn Emotionen und Stress sich im Körper festsetzen, dann kann man auch über den Körper daran arbeiten. Bewusste Berührung, sanfte Bewegung, das Spüren von Grenzen – all das sind Wege, auf denen ein Hund lernen kann, sich selbst wieder besser wahrzunehmen und zu regulieren.

Es geht dabei nicht um Techniken, um körperliche „Blockaden“ im Sinne von Dysbalancen, Verspannungen etc zu lösen. Es geht um einen Dialog – ein körperliches Gespräch, bei dem der Hund aktiv beteiligt ist und Selbstwirksamkeit erlebt. Er merkt: Was ich tue, hat eine Wirkung. Meine Signale werden gehört. Ich kann Einfluss nehmen. Diese Erfahrung allein kann schon enorm beruhigend wirken.

Für welche Hunde ist dieser Ansatz gedacht?

Körperorientierte Arbeit kann grundsätzlich jedem Hund guttun. Aber es gibt bestimmte Hunde, bei denen sie besonders wertvoll sein kann:

Hibbelige Hunde  – oft die dauerhaft unruhigen Hunde

Hunde, die ständig unter Strom stehen, nie wirklich abschalten können und selbst nach stundenlanger Auslastung noch aufgedreht wirken. Stellen wir die These in den Raum, dass diese Hunde auch oft das Gefühl für ihren eigenen Körper verloren – sie spüren sich selbst nicht mehr richtig und können deshalb auch nicht regulieren, wann es Zeit ist, herunterzufahren. Körperarbeit hilft ihnen, wieder Zugang zu sich selbst zu finden. Yuno ist bzw. war so der Klassiker: Selbst drinnen ständig auf Halbacht, totaler „Körperklaus“, kam nur schwer selbstständig zur Ruhe. Draußen arbeiten wir noch an diesem Thema, aber drinnen hat sich so viel verbessert.

Übrigens: Wenn dein Hund extrem hibbelig ist und du dich fragst, ob vielleicht mehr dahintersteckt, schau dir gerne meinen Artikel über ADHS bei Hunden an. Dort erfährst du, woran du erkennst, ob dein Hund einfach nur lebhaft ist oder ob sein Nervensystem tatsächlich anders tickt. Und wenn du tiefer einsteigen möchtest, ist meine Online-Kurs „Ruhe-Rituale für Hibbel-Hunde genau das Richtige“ – dort bekommst du Übungen und Techniken, wie du deinen aufgedrehten Hund in die Ruhe begleiten kannst. Und auch mein Artikel über die muskulären Auswirkungen von Stress könnte für dich interessant sein.

Wenn du den Start des Kurses nicht verpassen möchtest, trage dich gerne in meinen kostenlosen Newsletter ein:

Ängstliche und unsichere Hunde

Angst zeigt sich nicht nur im Verhalten – sie sitzt auch im Körper. Ängstliche Hunde sind oft dauerhaft angespannt, ihre Muskulatur ist verhärtet, ihre Atmung flach. Sie sind innerlich ständig in Hab-Acht-Stellung, auch wenn gerade gar keine Bedrohung da ist. Ihr Nervensystem hat gelernt: Gefahr kann jederzeit kommen – also bloß nicht entspannen.

Für diese Hunde kann Körperarbeit ein sanfter Weg sein, um dem Nervensystem zu signalisieren: Du bist sicher. Es ist okay, loszulassen. Durch bewusste Berührung und das Erleben von Halt und Begrenzung können sie Stück für Stück lernen, dass Entspannung möglich ist – und dass ihr Körper ein sicherer Ort sein kann.

Reaktive und aggressive Hunde

Wenn ein Hund in bestimmten Situationen explodiert – ob an der Leine bei Hundebegegnungen, bei Besuch oder in anderen Triggersituationen – dann ist das für alle Beteiligten extrem belastend. Was dabei oft übersehen wird: Aggression ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine Reaktion. Diese Hunde stehen unter enormem innerem Druck. Ihr Körper ist voll mit Stresshormonen, die Anspannung sitzt tief in der Muskulatur. Klassisches Training allein reicht meiner Erfahrung hier oft nicht aus, weil es am Verhalten ansetzt, aber nicht an der körperlichen Grundlage. Körperarbeit kann helfen, diesen Druck abzubauen – nicht durch Konfrontation, sondern durch Halt, durch das Aushalten-Dürfen von Emotionen und durch das langsame Herunterfahren des überreizten Systems.

Weitere Hunde, die profitieren können

Neben diesen drei Hauptgruppen gibt es weitere Hunde, für die körperorientierte Arbeit besonders wertvoll sein kann: Ältere Hunde, deren Körperwahrnehmung nachlässt und die dadurch unsicher werden. Hunde aus dem Tierschutz, die viel erlebt haben und deren Körper diese Erfahrungen noch speichert. Hunde nach Verletzungen oder Operationen, die wieder Vertrauen in ihren Körper finden müssen.

Bei all diesen Hunden kann die Arbeit über den Körper ein Türöffner sein – nicht als Ersatz für gutes Training, tierärztliche oder hundephysiotherapeutischer Betreuung, aber als wichtige Ergänzung, die nochmal einen anderen Ansatz verfolgt.

Unruhiger Hund und nochmal die Hundewiese

Lass mich noch einmal auf die Auslastungsfrage zurückkommen. Es gibt Hundehalter , die noch in einem Muster gefangen sind: Der Hund ist unruhig, also muss er mehr beschäftigt werden. Wenn das nicht hilft, muss es noch mehr sein. Dabei wird übersehen, dass manche Arten von Auslastung das Problem verschärfen können.
Ballspiele, Hetzspiele, alles mit viel Tempo und Adrenalin – das setzt Dopamin frei, es fühlt sich gut an. Der Hund will im Zweifel mehr, die Ruhephasen werden kürzer, das Erregungsniveau steigt. Dazu kommt: Wenn ein Hund körperlich topfit trainiert wird, aber sein Nervensystem keine Entspannung kennt, wird er einfach ein sehr fitter, sehr unruhiger Hund.

Die Lösung liegt nicht in mehr Aktivität, sondern in einer anderen Qualität. In Ruhe, die nicht erzwungen wird, sondern von innen kommt. In einem Körper, der gelernt hat, abzuschalten. In einem Nervensystem, das zwischen Anspannung und Entspannung wechseln kann.

Ein anderer Blick auf Unruhe beim Hund

Wenn dein Hund nicht zur Ruhe kommt, lade ich dich ein, die Perspektive zu wechseln. Statt zu fragen: Was muss ich noch tun, damit er endlich ruhig ist? – frag dich: Was will mir sein Körper sagen? Was braucht er wirklich?
Vielleicht braucht er nicht mehr Action, sondern mehr echte Ruhe. Vielleicht braucht er nicht mehr Training, sondern mehr Verbindung. Vielleicht braucht sein Körper Unterstützung dabei, wieder in Balance zu kommen – auf eine Weise, die tiefer geht als das, was klassisches Hundetraining bieten kann.

Ein unruhiger Hund ist kein Problem, das es zu lösen gilt. Er ist eine Einladung, genauer hinzuschauen. Sein Körper erzählt eine Geschichte – von Anspannung, vielleicht von Überforderung, von einem Nervensystem, das keinen Ausweg aus dem Alarmzustand findet.

Wenn dich dieser Ansatz anspricht und du mehr darüber erfahren möchtest, wie körperorientierte Arbeit deinem Hund helfen kann – dann lass uns ins Gespräch kommen. Manchmal braucht es nur einen neuen Blickwinkel.

Neurodivergenz bei Hunden wie Autismus ist wohl möglich.

Yuno und ich haben einige Möglichkeiten gefunden mit seinen Zügen von ADHS und Autismus zu leben. Und ihm mehr Ruhe zu schenken – u.a. durch Körperarbeit.