Dein Hund hat eine Delle im Rücken? Was die Einsenkung hinter dem Widerrist wirklich bedeuten kann liest du im heutigen Blogartikel.

Du stehst neben deinem Hund, schaust von der Seite auf seinen Rücken – und siehst es: Direkt hinter dem Widerrist senkt sich die Rückenlinie deutlich ab, bevor sie zum Lendenbereich wieder ansteigt. Eine Art Mulde, eine Delle, ein sichtbarer Knick.

Vielleicht hast du einen Trainer oder Züchter gefragt, und die Antwort war: „Das ist der antiklinale Wirbel. Das ist anatomisch normal.“ Oder: „Das ist halt so bei dieser Rasse.“ Oder einfach: „Das hat er schon immer.“

In meiner Praxis als Tiertherapeutin sehe ich diese Delle regelmäßig. Und ich kann dir sagen: In vielen Fällen ist sie wahrscheinlich nicht normal. Sie ist ein Zeichen dafür, dass im Muskelapparat deines Hundes etwas aus der Balance geraten ist – und zwar in einem System, das für seine gesamte Vorderhand entscheidend ist.

Was bedeutet ein abgesackter Rücken beim Hund?

Hat dein Hund auch so eine Delle im Rücken? Dann solltest du genauer hinschauen lassen. Bild: KI

Warum dein Hund kein Schlüsselbein hat – und was das mit der Delle im Rücken zu tun hat

Die meisten Hundebesitzer wissen das nicht: Hunde haben kein Schlüsselbein. Anders als beim Menschen gibt es keine knöcherne Verbindung zwischen Vorderbein und Rumpf. Die gesamte Vorderhand – Schulterblatt, Schultergelenk, Oberarm – „hängt“ ausschließlich an Muskeln, Sehnen und Faszien am Brustkorb. Deswegen können Hunde in der Vorhand – im Gegensatz zur Hinterhand – Sprünge nach unten abfedern.

Dieses muskuläre Aufhängungssystem heißt thorakaler Trageapparat (im Englischen „Thoracic Sling“). Es besteht aus vier Muskelgruppen, die zusammenwirken wie ein Tragegurt: Sie halten den Brustkorb zwischen den Schulterblättern in der richtigen Position und sorgen dafür, dass Kräfte – ob Schwerkraft beim Stehen oder Aufprallkräfte beim Laufen – sauber durch die Vorderhand geleitet und abgefedert werden.

Wenn dieses System gut funktioniert, schwebt der Brustkorb in neutraler Position zwischen den Schulterblättern. Die Rückenlinie ist gerade, die Schulterblätter bewegen sich frei, und die Gelenke in Schulter und Ellbogen arbeiten in ihrer natürlichen Achse.

Wenn es nicht gut funktioniert – wenn die Muskeln aus der Balance geraten –, sackt der Brustkorb ab. Und genau dann entsteht die Delle, die du siehst.

Die vier Muskeln, die den Brustkorb tragen

Um zu verstehen, was bei deinem Hund passiert, hilft es, die vier Muskelgruppen kurz zu kennen:

Der Musculus serratus ventralis ist ein wichtiger Teil – und der, der am häufigsten schwächelt. Er ist der einzige Muskel, der das Schulterblatt direkt mit dem Brustkorb verbindet. Er bildet die „Seitenwände“ des Trageapparats und hebt den Brustkorb aktiv nach oben.

Der Musculus trapezius bildet den „Deckel“ – er begrenzt die Position des Brustkorbs nach oben und stabilisiert das Schulterblatt auf dem Rumpf.

Der Musculus rhomboideus liegt unter dem Trapezius und beeinflusst den Winkel des Schulterblatts. Wenn er verspannt, zieht er den oberen Rand des Schulterblatts nach vorne und verändert die gesamte Schultermechanik.

Die Brustmuskeln (Musculus pectoralis) bilden den „Boden“ des Systems und ziehen den Brustkorb von unten nach oben. Ein Grund, warum ich in der Regel auch das Brustbein, an dem diese Muskeln u.a. gebunden sind, untersuche und ggf. mobilisiere.

Wenn Serratus und Pectoralis schwach werden, können sie den Brustkorb nicht mehr oben halten. Er sackt ab. Gleichzeitig versuchen Trapezius und Rhomboideus, die fehlende Stabilität zu kompensieren – und verspannen sich chronisch. Das Ergebnis: eine sichtbare Delle im Rücken, abstehende Schulterblätter und eingeschränkte Beweglichkeit in der gesamten Vorderhand.

Rücken schwach beim Hund? Muskelprobleme können Schuld sein.

Stark vereinfachte Darstellung der Muskulatur vom Hund. Bild: KI

Warum die Erklärung „antiklinaler Wirbel“ fraglich ist

Ich muss dir hier etwas gestehen: Ich habe das in meinen Ausbildungen selbst so gelernt. „Die Delle im Rücken? Das ist der antiklinale Wirbel. Der hat einen kürzeren Dornfortsatz. Das ist anatomisch normal.“

Und ich habe es jahrelang genau so weitergegeben. Bis ich auf etwas gestoßen bin, dass meine Fragezeichen in Ausrufezeichen verwandelt hat.

Wenn die Delle wirklich nur vom Wirbel kommt – einem Wirbel, den jeder Hund hat –, warum sieht man sie dann bei manchen Hunden deutlich und bei anderen kaum? Das Verhältnis müsste doch bei allen ähnlich sein. Der einzige Grund, den ich halt immer auf dem Schirm hatte:  der Hund ist zu gut gepolstert – also hat eher zu viel auf den Rippen. Aber ich sehe die Delle auch bei schlanken, sportlichen Hunden – und bei ihren ebenso schlanken Artgenossen eben kaum.

Das hat nicht zusammengepasst. Und dann bin ich auf etwas Spannendes gestoßen: Die Erklärung „antiklinaler Wirbel“ darf gründlich in Frage gestellt werden.

Die Anatomie sagt nämlich: Über dem antiklinalen Wirbel (T11) liegen das Supraspinalband, mehrere Schichten Rückenmuskulatur (Longissimus- und Iliocostalis-System), die thorakolumbale Faszie und Unterhautfettgewebe. Der Wirbel sitzt also eigentlich so tief unter all dem Gewebe, dass er von außen schlicht nicht sichtbar sein dürfte – es sei denn, der Hund hat ein Muskelproblem. By the way: Beim Patient Pferd dürfen wir uns wohl auch das Thema ISG-Blockaden mal näher an mit ähnlicher Erklärung.

Wir könnten also wohl davon ausgehen: Was du siehst, wenn du eine Delle im Rücken deines Hundes siehst, ist also im Zweifel eben nicht der Wirbel. Es ist das Ergebnis einer Muskelimbalance im thorakalen Trageapparat. D.h. für mich in meiner Praxis: Noch genauer hinschauen und hinfühlen. Nicht nur auf eine sog. Blockade, sondern noch mehr auf eine mögliche Dysbalance der Rückenmuskulatur.

Die Delle im Rücken beim Hund nun in meiner Praxis

Wenn ich rückblickend auf meine Patienten schaue, fallen mir 3 Situationen diesbzgl. ein:

Die schleichende Entwicklung:
Am häufigsten sehe ich die Delle bei Hunden im mittleren bis höheren Alter, die schleichend Muskulatur am Rumpf verloren haben. Der Serratus ventralis wird schwächer, der Brustkorb sackt Millimeter für Millimeter ab. Oft kommen diese Hunde wegen etwas ganz anderem – einer Schulterlahmheit, Ellbogenproblemen, Verspannungen im Nacken..

Die kompensatorische Entwicklung:
Hunde, die nach einer Operation an der Hinterhand (Kreuzbandriss, Hüft-OP) oder bei chronischen Rückenproblemen (Spondylose, Bandscheibenvorfall) mehr Gewicht auf die Vorderhand verlagern, überlasten ihren thorakalen Trageapparat über Monate. Trapezius und Rhomboideus werden hypertonisch, Serratus und Pectoralis ermüden – und die Delle entsteht als Folge eines Kompensationsmusters, das ganz woanders begonnen hat.

Die Rasse-Karte:

Bei bestimmten Rassen sehe ich dieses Thema schon in jungen Jahren und ohne vorherige Operationen etc. Vorreiter sind da z.B. die Franz. Bulldoggen. Tja, bei deren körperlichen Baustellen wundert es einen doch nicht, oder? Auch bei Dackeln sehe ich das häufiger oder Bullterriern. Ich werde mich nochmal eingehender damit auseinandersetzen.

Übungen für einen schwachen Rücken beim Hund machen Sinn, zB. wenn dein Hund so eine Delle im Rücken hat.

Es ist eben nicht bei jedem Hund der antiklinale Wirbel „sichtbar“. Bild: KI

Warum die Delle im Rücken beim Hund mehr als ein kosmetisches Problem ist

Ist die Delle im Rücken ist also nicht ein rein „optisches Thema“, dann müssen wir sie wohl als Warnsignal wahrnehmen. Wenn der Brustkorb absackt und die Schulterblätter nicht mehr frei gleiten können, verändert sich die gesamte Biomechanik der Vorderhand:

  • Eingeschränkte Schulterstreckung: Das Schulterblatt kann nicht mehr ausreichend rotieren, der Hund verliert Reichweite im Vortritt. Du siehst das als kürzeren, steifen Schritt vorne.
  • Verändertes Gangbild: Hunde mit fortgeschrittener Imbalance zeigen oft ein „Paddeln“ – die Vorderbeine schwingen nach außen statt geradeaus. Oder einen „Hackneygang“ – ein übertrieben hochgestelltes Anheben der Vorderpfoten.
  • Erhöhtes Verletzungsrisiko: Wenn die Schulterblätter fixiert sind und die Brustmuskulatur den Brustkorb nicht mehr stabilisiert, müssen Bizepssehne, Supraspinatus und die Schulterbänder die fehlende Stabilität kompensieren. Das sind genau die Strukturen, die bei Schulterverletzungen reißen oder entzünden. Bei Sport- und Arbeitshunden ist dieses Risiko besonders hoch.
  • Auswirkungen auf die Halswirbelsäule: Ein fixierter Trapezius und Rhomboideus schränken auch die Beweglichkeit des Halses ein. Dies führt oft auch zu einer eingeschränkten Kopfbeweglichkeit – was wiederum die Nasenarbeit, das Spielen und die allgemeine Lebensqualität beeinflusst.
Delle im Rücken beim Hund? Ein guter Hinweis auf eine schwache Rückenmuskulatur

Folgen einer schwachen Brust- und Schultermuskulatur. Bild: KI

Was du tun kannst

1. Lass deinen Hund von einer Fachperson beurteilen.
Nicht jede Delle hat dieselbe Ursache, und nicht jeder Hund braucht dasselbe. In meiner Praxis taste ich eh den thorakalen Trageapparat systematisch ab: Wie ist die Spannung im Trapezius? Ist der Serratus ventralis aktivierbar? Sind die Schulterblätter frei oder fixiert? Gibt es eine Asymmetrie? Erst auf Basis dieses Befunds ergibt ein Trainings- oder Behandlungsplan Sinn.

2. Verspannte Muskeln lösen – BEVOR du aufbaust.
Ein häufiger Fehler: Sofort mit Muskelaufbau beginnen, ohne vorher die hypertonen Muskeln (Trapezius, Rhomboideus) zu entspannen. Ein verspannter Muskel kann nicht richtig arbeiten, und sein Gegenspieler kann sich gegen ihn nicht aufbauen. Deshalb starte ich in meiner Praxis fast immer mit Manueller Therapie, Faszienarbeit oder Osteopathie, bevor gezielte Kräftigungsübungen dazukommen.

3. Gezieltes Training für den Trageapparat.
Es gibt spezifische Übungen, die den Serratus ventralis, die Brustmuskeln und die Schulterblattmobilität gezielt ansprechen. Aber – und das ist mir wichtig: Das sind keine Standardübungen, die jeder Hund einfach mitmachen sollte. Die Ausführung entscheidet, ob die Übung dem Trageapparat hilft oder die Imbalance sogar verschlimmert. Deshalb erarbeite ich diese Übungen in Einzelcoachings – individuell auf den Befund deines Hundes abgestimmt. Du lernst die Übungen bei mir, bekommst einen Plan und baust sie in euren Alltag ein.

4. Ursachen beseitigen, nicht nur Symptome behandeln.
Wenn die Delle durch ein Kompensationsmuster entstanden ist – zum Beispiel weil dein Hund hinten ein Problem hat und die Vorderhand überlastet –, muss auch die ursprüngliche Ursache behandelt werden. Sonst kommt die Imbalance immer wieder. Das ist der Grund, warum ich in meiner Praxis nie nur eine Region anschaue, sondern den ganzen Hund.

So erkennst du die Delle bei deinem Hund

Stelle deinen Hund auf ebenem Boden in einen geraden Stand – alle vier Beine sauber unter dem Körper, Kopf in neutraler Position. Schau von der Seite auf die Rückenlinie:

Verläuft sie annähernd gerade vom Widerrist zum Lendenbereich? Dann ist der Trageapparat wahrscheinlich in Ordnung.

Siehst du eine deutliche Einsenkung direkt hinter dem Widerrist, die aussieht wie eine Mulde oder ein Sattel? Dann liegt wahrscheinlich eine Imbalance vor.

Taste zusätzlich den oberen Rand der Schulterblätter ab: Ragt er über die Dornfortsätze der Wirbelsäule hinaus oder steht auf gleicher Höhe? Wenn die Schulterblätter deutlich über den Rücken ragen, ist das ein weiteres Zeichen.

Wenn du unsicher bist – komm vorbei. Ich zeige dir in der Praxis genau, worauf du achten musst, und beurteile, ob und welcher Handlungsbedarf besteht.

Test zur Delle im Rücken beim Hund

Schau dir deinen Hund von der Seite am genauer an und teste die Höhe der Schulterblätter. Bild: KI


Quelle & Lesetipp: Den Anstoß für diesen Artikel hat ein ausführlicher Beitrag von Anna Lee Sanders gegeben, in dem sie die Biomechanik des thorakalen Trageapparats detailliert aufarbeitet: Swayback Posture in Dogs: Understanding the Thoracic Sling (englisch)