Lerne das Nervensystem deines Hundes zu verstehen. Denn: Dein Hund zieht an der Leine, bellt andere Hunde an, reagiert auf jedes Geräusch – und du denkst: „Warum hört er einfach nicht?“ Oder: Dein Hund erstarrt beim Tierarzt, verweigert Leckerlis, macht sich ganz klein – und du denkst: „Na, wenigstens ist er jetzt brav.“ Beides sind Momente, in denen du das Verhalten deines Hundes siehst, aber nicht das, was dahinter passiert: sein Nervensystem.
In der Humanpsychologie gibt es seit den 1990er-Jahren ein Konzept, das erklärt, warum wir Menschen in manchen Momenten ausrasten, in anderen erstarren und in wieder anderen entspannt und präsent sind. Es heißt Polyvagal-Theorie und beschreibt, wie unser autonomes Nervensystem zwischen verschiedenen Zuständen wechselt – unbewusst, automatisch und schneller als jeder Gedanke. In der evidenzbasierten Medizin und Neurobiologie ist das Konzept umstritten. Kritiker bemängeln, dass zentrale anatomische und evolutionäre Annahmen von Porges nicht durch neuere wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt werden und es sich eher um ein heuristisches Modell als um eine bewiesene Theorie handelt.
Dennoch ist es durchaus spannend, sich diese Theorie mal näher in Bezug auf unsere Hunde anzuschauen.

Entspannter Hund oder ein Hund im Shutdown? Das Nervensystem unsere Hunde ist ein spannender Bereich im Hundetraining.
Das autonome Nervensystem Hund– die Schaltzentrale, die niemand sieht
Das autonome Nervensystem (ANS) steuert alles, was ohne bewusstes Zutun passiert: Herzschlag, Atmung, Verdauung, Hormonausschüttung, Muskelspannung. Dein Hund denkt nicht darüber nach, ob sein Herz schneller schlagen soll, wenn ein fremder Hund auftaucht. Es passiert einfach.
Das ANS besteht aus zwei Hauptspielern:
Der Sympathikus ist das Gaspedal. Er mobilisiert Energie, macht den Körper bereit für Aktion – Kampf oder Flucht. Herzfrequenz steigt, Muskeln spannen sich, Adrenalin wird ausgeschüttet.
Der Parasympathikus ist die Bremse. Er sorgt für Erholung, Verdauung, Regeneration. Er beruhigt den Körper und signalisiert: „Du bist sicher.“
Aber – und das ist die zentrale Idee der Polyvagal-Theorie – der Parasympathikus hat zwei Äste, die völlig unterschiedliche Dinge tun:
Der ventrale Vagus (der „neue“ Ast) ist aktiv, wenn sich dein Hund sicher und verbunden fühlt. Entspanntes Spiel, weiches Körpergefühl, soziale Interaktion – das ist der ventrale Vagus bei der Arbeit.
Der dorsale Vagus (der „alte“ Ast) ist das Notfallprogramm. Wenn weder Kampf noch Flucht möglich sind, fährt er den Körper herunter. Erstarrung, Abschaltung, Shutdown.
Die 3 Grundzustände des Nervensystems – bei deinem Hund
Zustand 1: Übererregung (Sympathikus aktiv)
Der Körper ist auf Alarmstufe Rot. Dein Hund ist bereit zu kämpfen oder zu fliehen. Fight or Flight – das hast du bestimmt schon mal gehört oder gelesen.
Typische Situationen: Begegnungen mit anderen Hunden, unbekannte Geräusche, Gewitter, Silvester, Tierarztbesuche, überfüllte Umgebungen.
Der Denkapparat – der präfrontale Cortex, der für Impulskontrolle und Lernen zuständig ist – ist offline. Dein Hund KANN in diesem Zustand nicht „gehorchen“. Nicht weil er nicht will, sondern weil sein Gehirn gerade im Überlebensmodus läuft.
Zustand 2: Balance (ventraler Vagus aktiv)
Der Körper fühlt sich sicher. Dein Hund ist entspannt, ansprechbar, sozial und lernfähig. Sein System sagt: „Alles in Ordnung.“
Typische Situationen: Gemeinsame Spaziergänge ohne Stress, Kuschelmomente, ruhiges Spiel, nach gutem Training, in vertrauter Umgebung.
Das ist der Zustand, in dem Lernen möglich ist. In dem Bindung entsteht. In dem dein Hund wirklich „er selbst“ sein kann. Und es ist der Zustand, in den wir ihn so oft wie möglich bringen wollen – nicht durch Zwang, sondern durch Sicherheit.
Zustand 3: Untererregung / Shutdown (dorsaler Vagus aktiv)
Der Körper fährt herunter. Dein Hund hat aufgegeben. Sein System sagt: „Ich kann nichts mehr tun. Ich schalte ab.“
Typische Situationen: Überforderung im Training, chronischer Stress, Tierarztbesuch bei sehr ängstlichen Hunden, erlernte Hilflosigkeit nach aversivem Training, Hunde aus dem Tierschutz in den ersten Wochen.
Was leider immer noch viele Halter dann denken: „Er ist so brav.“ / „Er ist tiefenentspannt.“ / „Er hat sich beruhigt.“
Das ist eine gefährliche Fehlinterpretation. Ein Hund im Shutdown ist nicht brav. Er ist „abgeschaltet“. Es ist kein Zeichen von Entspannung, sondern von Überforderung, die so groß geworden ist, dass der Körper keinen anderen Ausweg mehr sieht.
In meinen Praktika bei Tierärzten habe ich regelmäßig Hunde gesehen, die für „brav“ gehalten wurden, weil sie beim Tierarzt stillhalten haben. Wenn ich mir dann die Körperspannung anschaute, die Atemfrequenz, den Blick – dann sah ich einen Hund, der nicht entspannt war, sondern erstarrt.
Die Mischzustände – wo es richtig spannend wird
In der Realität sind selten nur ein Ast des Nervensystems aktiv. Meistens spielen mehrere zusammen. Diese Mischzustände sind besonders aufschlussreich, weil sie häufig falsch gedeutet werden.
Freeze – die Erstarrung unter Strom
Sympathikus (Alarm) + dorsaler Vagus (Abschaltung) sind gleichzeitig aktiv. Der Hund will fliehen oder kämpfen, aber sein Körper ist blockiert. Es ist, als würdest du gleichzeitig Gas geben und bremsen.
Beim Hund: Er steht wie angewurzelt, bewegt sich nicht, aber du siehst an seiner Körperspannung, seinem Hecheln, seinen Augen, dass er nicht ruhig ist. Er ist innerlich in Panik – äußerlich eingefroren.
Häufige Fehlinterpretation: „Er ist stur.“ / „Er will nicht.“ / „Er ignoriert mich.“
Realität: Er KANN nicht. Sein Nervensystem steckt in einer Sackgasse. Und jeder Druck, den du jetzt aufbaust, macht es schlimmer.
Was hilft: Druck rausnehmen, Abstand vergrößern, ruhig atmen, warten. Dem Nervensystem die Chance geben, sich zu lösen.
Fawn – das Anpassen aus Unsicherheit
Sympathikus (Stress) + ventraler Vagus (soziale Verbindung) sind gleichzeitig aktiv. Der Hund versucht, durch soziales Verhalten die Bedrohung zu entschärfen.
Beim Hund: Das sind die berühmten Calming Signals– Beschwichtigungssignale. Gähnen, Schnauze lecken, Blick abwenden, Pfote heben, Körper klein machen, übertrieben freundlich sein. Der Hund sagt damit nicht „Ich bin entspannt“, sondern „Bitte tu mir nichts.“
Er ist im Stress und versucht, durch Beschwichtigung Sicherheit herzustellen – weil Kampf oder Flucht keine Option sind (zum Beispiel an der Leine).
Flow – die positive Aktivierung
Sympathikus (leichte Aktivierung) + ventraler Vagus (Sicherheit) arbeiten zusammen. Der Hund ist aktiv, aber gleichzeitig sicher und verbunden.
Beim Hund: Das wäre der Zustand, den du bei Nasenarbeit bei vielen Hunden beobachten kannst: konzentriert, engagiert, leicht erhöhte Herzfrequenz – aber ohne Stresszeichen. Auch beim freien Spiel mit einem vertrauten Hund oder bei kniffligen Denkaufgaben, die den Hund fordern, aber nicht überfordern.
Eine aktuelle Studie aus Adelaide (Fountain et al., 2026) hat genau das gemessen: Hunde während Scentwork zeigten eine Aktivierung des Sympathikus – also eine erhöhte Herzfrequenz –, aber ohne typische Stresssignale. Im Gegenteil: Die Schwanzposition war hoch, die Körpersprache positiv. Das wäre Flow. Keine Entspannung im klassischen Sinne, sondern positive Aktivierung.
Nasenarbeit kann also deinen Hund in angenehm aktivierten Zustand versetzen. Mehr zum Thema Nasenarbeit und ihre positiven Folgen: Nasenarbeit Hund: Mehr Glück sagt die Wissenschaft
Tiefe Entspannung – die echte Ruhe
Ventraler Vagus (Sicherheit) + dorsaler Vagus (Ruhe) arbeiten zusammen. Der Hund fühlt sich sicher genug, um komplett loszulassen.
Beim Hund: Seitenlage, tiefes Seufzen, weiches Maul, geschlossene oder halbgeschlossene Augen, manchmal leichtes Zucken (Traumphase). Der ganze Hund wird „weich“. Das ist der Zustand, den du mit der gemeinsamen Entspannungsübung anstrebst.
Der Unterschied zum Shutdown: Der Hund in tiefer Entspannung kann sich jederzeit lösen, aufstehen, reagieren. Er ist erreichbar. Der Hund im Shutdown ist dagegen abgekoppelt – äußerlich ähnlich, innerlich völlig anders.

Echte Entspannung sollte unser Ziel sein – nicht nur ein äußerliches Ruhigbleiben.
Neurozeption – der unsichtbare Sicherheitsscanner deines Hundes
Eines der wichtigsten Konzepte der Polyvagal-Theorie heißt Neurozeption. Es beschreibt, wie das Nervensystem – ohne jede bewusste Beteiligung – permanent die Umgebung scannt und entscheidet: Sicher oder gefährlich?
Möchten wir der Theorie einen Wahrheitsgehalt zuweisen wäre das wohl bei unseren Hunden noch ausgeprägter als bei uns Menschen, weil sie zusätzlich über ihren Geruchssinn Informationen aufnehmen, die wir nicht einmal ahnen. Dein Hund riecht dein Cortisol, deine Anspannung, deine Angst. Er riecht die Stimmung im Raum. Und sein Nervensystem reagiert darauf – oft schneller als er sich bewusst orientieren kann.Ein bestimmter Geruch, eine bestimmte Körperspannung eines anderen Hundes, ein Geräusch in einer Frequenz, die du nicht wahrnimmst – und schon schaltet das System um.
Was diese Theorie über das Nervensystem des Hundes für dich als Halter bedeutet könnte
Dass es den Sympathikus und den Parasympathikus gibt ist unbestritten. Und auch ihre Wirkweisen sind gut erforscht. Aktuell gibt es den Trend vom „Vagusnerv-Training“, mit der Idee den Parasympathikus mehr zu aktivieren. Der Vagusnerv ist der Hauptnerv des Parasympathikus.
Wenn der Vagusnerv aktiviert wird, fördert er einen Zustand der Ruhe, indem er die Herzfrequenz verlangsamt, Verdauungsenzyme stimuliert, Entzündungen reduziert, Emotionen reguliert und die Entspannung fördert. Ob ein „Vagus-Reset“ oder dergleichen aber einen anderen Hund aus deinem reaktiven oder ängstlichen Hund machen, wage ich jedoch zu bezweifeln.
Dennoch hilft dir das Wissen um das Nervensystem deines Hundes:
1. Du hörst auf, Verhalten zu bewerten – und fängst an, es zu lesen.
„Er ist aggressiv“ wird zu „Er ist in der Übererregung.“ „Er ist stur“ wird zu „Er ist im Freeze.“ „Er ist brav“ wird zu „Ist er wirklich entspannt – oder abgeschaltet?“ Das verändert einiges. Weil du nicht mehr gegen deinen Hund arbeitest, sondern mit seinem Nervensystem.
2. Du verstehst, warum Training manchmal nicht funktioniert.
Ein Hund in der Übererregung oder im Freeze kann nicht lernen. Sein präfrontaler Cortex ist quasi offline. Du kannst „Sitz“ sagen, so oft du willst – wenn das Nervensystem im Überlebensmodus ist, kommt das im Zweifel einfach nicht an. Effektives Training beginnt immer damit, das Nervensystem erst in den Zustand der Balance zu bringen. Dann ist gutes Lernen möglich.
3. Du erkennst deine eigene Rolle.
Dein Nervensystem beeinflusst das deines Hundes. Wenn du chronisch gestresst bist, merkt das dein Hund und vielen Hund fällt es dann schwer entspannt zu sein. Mehr dazu findest du in meinem Artikel „Stress überträgt sich auf deinen Hund“
3 Dinge, die du ab heute tun kannst
Beobachte, statt zu bewerten.
Schau dir deinen Hund im Alltag an und frage dich: In welchem Zustand ist sein Nervensystem gerade? Übererregung, Balance oder Shutdown? Du wirst erstaunt sein, wie viel klarer du ihn plötzlich siehst.
Gib seinem Nervensystem Zeit.
Nach einer stressigen Begegnung braucht dein Hund, bis das Cortisol abgebaut ist. Verlange in dieser Zeit nichts von ihm. Kein „Sitz“, kein „Schau mich an“. Einfach gehen, schnüffeln lassen, Raum geben. Bei viel Stress oder gehäuftem Stress kann sogar ein „Reset-Tag“ sinnvoll.
Reguliere dich selbst – und nimm ihn mit.
Die effektivste Nervensystem-Übung für deinen Hund ist eine, die bei dir beginnt. In meinem Artikel „Entspannungsübung für Hund und Mensch – Gemeinsam in 10 Minuten zur Ruhe kommen“ findest du eine Schritt-für-Schritt-Anleitung dafür.
Wo Körperarbeit ins Spiel kommt
In meiner Praxis erlebe ich täglich, wie eng Körper und Nervensystem zusammenhängen. Ein Hund mit chronischen Verspannungen oder Schmerzen – zum Beispiel durch Arthrose, Muskelblockaden oder Fehlhaltungen – hat ein Nervensystem, das permanent im leichten Alarmzustand läuft. Schmerz ist ein Dauersignal an den Sympathikus: „Etwas stimmt nicht.“ Im Übrigen funktioniert der Weg auch anders herum. Mehr dazu u.a. im meinem Artikel „Stress beim Hund: Auswirkungen auf die Muskulatur“
Das erklärt, warum manche Hunde nach einer osteopathischen oder physiotherapeutischen Behandlung plötzlich ruhiger, gelassener und ansprechbarer sind. Nicht weil wir ihr Verhalten „therapiert“ haben – sondern weil wir ihrem Nervensystem eine Last genommen haben. Weniger Schmerzreize bedeuten weniger Sympathikus-Aktivierung, und das bedeutet mehr Kapazität für Balance und Entspannung.
Wenn du das Gefühl hast, dass dein Hund dauerhaft angespannt ist, schlecht zur Ruhe kommt oder sich im Alltag verändert hat, lohnt sich ein ganzheitlicher Blick – auf sein Verhalten UND seinen Körper. Vereinbare gerne einen Termin bei mir in Gräfelfing.
Du möchtest tiefer einsteigen?
Für die praktische Übung: Lies meinen Artikel „Entspannungsübung für Hund und Mensch – Gemeinsam in 10 Minuten zur Ruhe kommen“. Dort findest du eine geführte Anleitung, mit der du und dein Hund heute Abend anfangen könnt. <
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Fazit
Ob wir nun dieser Theorie Glauben schenken oder nicht, ich denke entscheidend ist: Wir sollten das Nervensystem vom Hund weder im Training noch im Alltag außer Acht lassen, sondern uns dessen, seiner Wirkweise und den Konsequenzen bewusst sein – und mit und nicht gegen das Nervensystem arbeiten.
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Quellen:
– Porges, S.W. (1994/2021). The Polyvagal Theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. W. W. Norton & Company.
– Fountain, J. et al. (2026). Heart rate variability and behavioural responses of dogs during scentwork. Applied Animal Behaviour Science, 299, 106986.
– Sundman, A.-S. et al. (2019). Long-term stress levels are synchronized in dogs and their owners. Scientific Reports, 9, 7391.
– D’Aniello, B. et al. (2018). Interspecies transmission of emotional information via chemosignals: from humans to dogs. Animal Cognition, 21, 67–78.
– Berg, P. et al. (2024). Olfaction in the canine cognitive and emotional processes. Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 157, 105527.