Leben mit chronisch krankem Hund – Teil 7

Wann ist noch Lebensqualität beim Hund vorhanden und wann nicht? Es ist die Frage, vor der sich die meisten Hundebesitzer (mit einem chronisch kranken Hund) fürchtet. Die Frage, die nachts den Schlaf raubt und tagsüber wie ein Schatten über allem liegt: „Wann ist der Punkt erreicht, an dem ich loslassen muss?“

Als Tierphysiotherapeutin und Stress-Coachin begleite ich meine Patientenbesitzer oft durch in ihrer Entscheidungsfindung. Nach 19 Jahren mit eigenen chronisch kranken Hunden und vielen anderen Haustieren wie Katzen, Meerschweinchen, Ratten, Vögel habe ich diese Frage selbst mehrfach stellen müssen. Es gibt keine einfachen Antworten, aber es gibt Wege, zu einer Entscheidung zu finden, mit der du leben kannst.

Das Wichtigste vorweg: Du liebst deinen Hund. Deshalb stellst du dir diese Frage. Und genau diese Liebe wird dir helfen, die richtige Entscheidung zu treffen.

Lebensqualität beim Hund – mehr als nur „nicht leiden“

Viele Menschen verwechseln das Fehlen von offensichtlichem Leiden mit guter Lebensqualität. Aber dazwischen liegt ein weites Feld. Ein Hund, der keine Schmerzen zeigt (!), aber auch keine Freude mehr am Leben hat, leidet trotzdem.

Lebensqualität beim Hund bedeutet für mich:

  • Interesse an der Umgebung und an dir
  • Freude an kleinen Dingen (Futter, Streicheln, Spaziergang)
  • Natürliche Verhaltensweisen ausführen können
  • Mehr gute als schlechte Tage haben
  • Würde und Selbstständigkeit bewahren

Es geht nicht darum, dass dein Hund wieder der Alte wird. Es geht darum, dass er noch er selbst ist – auch wenn in einer veränderten Form.

Wie beurteilt man die Lebensqualität beim Hund am besten?

Lebensqualität beim Hund: Mehr als nur „schmerzfrei“ in meinen Augen

Die Checkliste der Lebensqualität

In meiner Praxis nutze ich eine Checkliste, die Hundebesitzern hilft, objektiver zu bewerten. Beantworte diese Fragen ehrlich – nicht, wie du dir wünschst, dass es wäre, sondern wie es ist:

Körperliche Aspekte:

  • Kann dein Hund noch selbstständig fressen und trinken?
  • Schafft er es allein zur Toilette oder benötigt Hilfe?
  • Zeigt er Interesse an Spaziergängen, auch wenn sie kurz sind?
  • Kann er noch allein aufstehen und sich hinlegen?
  • Sind Schmerzen mit Medikamenten kontrollierbar?

Emotionale Aspekte:

  • Freut er sich noch, wenn du nach Hause kommst?
  • Zeigt er Interesse an seinem Lieblingsfutter oder Leckerlis?
  • Sucht er noch deine Nähe und Zuwendung?
  • Hat er noch „gute Momente“ im Tag?
  • Wirkt er entspannt und zufrieden, wenn er ruht?

Verhalten und Würde:

  • Kann er noch grundlegende Hundeverhalten zeigen (schnüffeln, erkunden)?
  • Behält er seine Persönlichkeit bei?
  • Ist er mehr er selbst oder mehr ein Schatten seiner selbst?

Das Verhältnis guter zu schlechten Tagen:

  • Überwiegen die guten Tage noch die schlechten?
  • Wie lang sind die schlechten Phasen?
  • Erholt er sich noch von Rückschlägen?

Die Warnsignale ernst nehmen

Manche Anzeichen sind deutliche Hinweise darauf, dass die Lebensqualität dramatisch gesunken ist:

Körperliche Warnsignale:

  • Verweigerung von Futter und Wasser über mehr als 24 Stunden
  • Unkontrollierbare Schmerzen trotz maximaler Medikation
  • Atemnot oder schweres, angestrengtes Atmen
  • Häufiges Erbrechen oder Durchfall
  • Unfähigkeit, die Grundbedürfnisse zu verrichten

Emotionale/Verhaltensbezogene Warnsignale:

  • Totaler Rückzug und Desinteresse an allem
  • Verweigerung jeder Interaktion
  • Angst oder Panik bei normalen Aktivitäten
  • Unruhe ohne erkennbaren Grund
  • Der „leere Blick“ – wenn die Persönlichkeit verschwindet

Achtung vor eigenen Wunschdenken: Manchmal interpretieren wir Signale so, wie wir sie gerne hätten. Der schwanzwedelnde Hund, der eigentlich vor Schmerzen zittert. Das kurze Aufbäumen, das wir als Besserung deuten. Sei ehrlich zu dir selbst.

Ich kann dir von einem meiner Hunde erzählen, bei dem ich „zu spät“ war. Es war medizinisch alles vertretbar, aber rückblickend betrachtet, wäre es 2 Tage vorher für Malou besser gewesen. Und das soll mir nie wieder passieren, denn ist es über 14 Jahre her und immer noch beschäftigt es mich, dass ich nicht früh genug entschieden habe. 

Die Lebensqualität beim Hund sollte mehr zählen als die Lebensquantität.

Es waren nur 2 Tage und doch beschäftigt es mich noch heute, denn diese 2 Tage war die Lebensqualität deutlich gesenkt gewesen. Bild: VitaliTier

Die verschiedenen Phasen der Entscheidungsfindung

Die Erkenntnis, dass die Zeit gekommen sein könnte, kommt selten plötzlich. Meist ist es ein Prozess:

  • Phase 1 – Das erste Zweifeln: „Ist das noch ein Leben?“ Der Gedanke taucht auf und wird schnell weggeschoben. Das ist normal.
  • Phase 2 – Die Beobachtungsphase: Du fängst an, bewusster zu schauen. Suchst nach Anzeichen für Besserung oder Verschlechterung.
  • Phase 3 – Die Gespräche: Mit dem Tierarzt, mit Familie, mit dir selbst. Das Thema wird konkreter.
  • Phase 4 – Die Vorbereitung: Wenn die Entscheidung reift, beginnst du, praktische Dinge zu durchdenken.
  • Phase 5 – Die Entscheidung: Sie fällt selten an einem Tag – wenn es kein Notfall etc ist

Jede Phase hat ihre Berechtigung. Lass dich nicht drängen, aber verschließe auch nicht die Augen vor der Realität. Für mich gilt ganz klar: Lieber 1 Tag zu früh als 1 Tag zu spät!

Das Gespräch mit dem Tierarzt

Dein Tierarzt ist dein wichtigster Berater in dieser Frage, aber die Entscheidung kann er dir nicht abnehmen. Ein guter Tierarzt wird:

  • Ehrlich über die Prognose sein: Wie wird sich die Krankheit entwickeln? Welche Verschlechterungen sind zu erwarten?
  • Behandlungsoptionen realistisch bewerten: Was ist noch möglich? Was ist sinnvoll? Was verlängert nur das Leiden?
  • Lebensqualität medizinisch einschätzen: Welche Schmerzen hat dein Hund wirklich? Was bedeuten die Symptome?
  • Dich bei der Entscheidung unterstützen: Ohne zu drängen, aber mit professioneller Einschätzung.

Wichtige Fragen an deinen Tierarzt:

  • „Wenn das Ihr Hund wäre, was würden Sie tun?“
  • „Welche Verschlechterungen erwarten Sie in den nächsten Tagen/Wochen/Monaten?“
  • „Gibt es realistische Behandlungsoptionen, die die Lebensqualität verbessern?“
  • „Woran erkenne ich, dass der Zeitpunkt gekommen ist?“

Wenn die Familie sich nicht einig ist was die Lebensqualität beim Hund betrifft

Tatsächlich etwas, wovor ich ein wenig Angst habe: Dass mein Mann und ich uns nicht einig sind. 

Oft hat jeder in der Familie eine andere Meinung. Die Kinder wollen nicht loslassen, der Partner sieht das Leiden früher, die Großeltern raten zu weiterkämpfen. Diese Uneinigkeit ist schmerzhaft, aber normal.

Strategien für Familienentscheidungen:

  • Alle Meinungen anhören: Jeder darf seine Sicht äußern, ohne verurteilt zu werden.
  • Gemeinsame Tierarzttermine: Lass alle wichtigen Personen die medizinischen Fakten hören.
  • Feste Kriterien definieren: Einigt euch vorher auf konkrete Punkte, bei denen ihr handeln wollt.
  • Eine Person bestimmen: Am Ende muss einer die Entscheidung treffen – meist der Hauptverantwortliche für den Hund.

Die Angst vor dem „zu früh“ und „zu spät“

Die meisten meiner Patientenbesitzer haben zwei große Ängste:
„Was, wenn ich zu früh entscheide?“ Die Sorge, dem Hund noch gute Zeit zu nehmen. Diese Angst ist verständlich, aber bedenke: Ein Tag zu früh ist besser als einen Tag zu spät. Dein Hund soll in Würde gehen, nicht erst, wenn er schon zu schwach ist.
„Was, wenn es zu spät ist?“ Die Sorge, dass der Hund schon zu lange gelitten hat. Auch diese Angst quält viele. Aber: Du hast aus Liebe gehandelt. Perfektion gibt es in dieser Situation nicht.

Eine Erkenntnis aus 19 Jahren: Den perfekten Zeitpunkt gibt es nicht. Es gibt nur den Zeitpunkt, mit dem du leben kannst. Und bei mir ist das inzwischen ganz klar, lieber zu früh.

Praktische Vorbereitung der letzten Zeit

Wenn du merkst, dass die Zeit knapp wird, kannst du einiges vorbereiten:

Die letzten schönen Momente schaffen:

  • Lieblingsessen noch einmal geben (wenn er es schafft)
  • An Lieblingsorte gehen (wenn er kann)
  • Mehr kuscheln und Zeit zusammen verbringen
  • Fotos oder Videos machen oder machen lassen für die Erinnerung
Die Qualität des Lebens beim Hund sollte bei der Entscheidung zum Einschläfern wohl der Hauptpunkt sein.

Kennst du die Regenbogenshootings? Erinnerung schaffen durch Fotos und Videos geht damit ganz wunderbar. Bild: VitaliTier

Organisatorisches klären:

  • Termin mit dem Tierarzt besprechen
  • Entscheiden, ob zu Hause oder in der Praxis
  • Wer soll dabei sein?
  • Was passiert mit dem Körper? (Friedhof, Kremierung, Vergraben)

Emotionale Vorbereitung:

  • Mit Kindern über den Abschied sprechen
  • Sich Unterstützung für die Zeit danach organisieren
  • Eventuell professionelle Hilfe bei der Trauerbewältigung suchen

Zu Hause oder in der Praxis?

Viele Tierärzte bieten heute Hausbesuche für die Euthanasie an. Das kann eine wunderbare Option sein:

Vorteile von zu Hause:

  • Der Hund ist in gewohnter Umgebung
  • Kein Stress durch Transport
  • Ihr könnt in Ruhe Abschied nehmen
  • Andere Tiere können verabschieden

Nachteile von zu Hause:

  • Eventuelle Komplikationen sind schwerer zu handhaben
  • Die Wohnung wird immer mit diesem Moment verbunden sein
  • Nicht alle Tierärzte bieten das an

Es gibt kein richtig oder falsch. Entscheide, was sich für euch richtig anfühlt.

Meine Erfahrung: Ich habe keine schlechte Verknüpfungen mit unserem damaligen Wohnzimmer. Ich war sehr dankbar, dass meine Tierärztin kam, die Spritzen setzte und mich kurz alleine ließ. So konnte ich in Ruhe den letzten Moment verbringen. Dann durften sich die anderen Tiere verabschieden und ich fuhr anschließend zum Krematorium. Beim letzten Mal – bei einem meiner Kater – passierte der Schritt in der Tierarzt-Praxis. Zum Glück war es nach Praxisende und wir waren alleine. Meine Tierärztin kenne ich nun auch schon sehr lange, so dass auch das würdevoll und irgendwie in Gemeinschaft von Statten ging. Auch hier habe ich keine schlechten Verknüpfungen. Für mich ist das Wichtigste: Mein Tier ist nicht allein, sondern ich bin bei ihm – bis zum letzten Atemzug. Mister O´Malley kam dann mit nach Hause und auch dann durften sich die anderen Tiere von ihm verabschieden. Am nächsten Tag ging es auch für ihn ins Krematorium.

Der Tag X, wenn keine Lebensqualität beim Hund mehr vorhanden ist

Wenn der Tag gekommen ist, ist es wichtig, dass du bei deinem Hund bleibst. Er braucht dich jetzt mehr denn je. Es ist in Ordnung zu weinen. Es ist in Ordnung, Angst zu haben. Es ist in Ordnung, auch ein bisschen erleichtert zu sein, dass Leiden vorbei ist.

Was passiert bei der Euthanasie: Die meisten Tierärzte geben zuerst ein Beruhigungsmittel, damit der Hund entspannt einschläft. Dann wird das eigentliche Medikament in die Vene gespritzt. Der Hund schläft innerhalb weniger Sekunden friedlich ein. Es ist nicht schmerzhaft.

Deine Anwesenheit: Auch wenn es schwer ist – deine Anwesenheit gibt deinem Hund Sicherheit. Er kennt deine Stimme, deinen Geruch, deine Berührung. Das ist das Letzte, was er wahrnimmt.

Das Leben danach

Ich habe also schon einige Tiere einschläfern lassen müssen. Jedes Mal war es anders, jedes Mal war es schwer.

Was mir geholfen hat:

  • Erinnerungsstücke sammeln (Fotos, Halsband, Lieblingsspielzeug)
  • Über den Hund sprechen – mit Menschen, die ihn kannten
  • Einem anderen Tier helfen (Tierheim-Arbeit, Spenden)
  • Professionelle Hilfe bei der Trauerbewältigung

Irgendwann wieder bereit sein für einen neuen Hund

Das Wichtigste, was ich dir nach all den Jahren sagen kann: Du warst ein guter Mensch für deinen Hund. Du hast ihm trotz seiner Krankheit ein liebevolles Zuhause gegeben. Du hast gekämpft, gehofft, gesorgt und schließlich die schwerste Entscheidung aus Liebe getroffen.
Dein Hund hatte ein gutes Leben – nicht perfekt, aber voller Liebe. Am Ende ist das alles, was zählt.

Und was ich auch in all den Jahren Therapie und Training mitgenommen habe: Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt für einen neuen Hund. Ich habe Menschen erlebt, die bereits 14 Tage später wieder einen Hund in ihr Herz lassen konnten. Und andere die Monate lang getrauert haben. Ich denke, vielleicht ist es auch vom Hund abhängig.

Ich habe all meine Hunde sehr geliebt. Nach Malou war ich nach rund 7 Monate wieder bereit. Bei Flynn…ich weiß es momentan nicht…manchmal fühlt es sich an, wie niemals…manchmal wie zügiger. Wir werden sehen… noch lebt Flynn ja. 

Lebensqualität beim Pferd und Katze sind genauso entscheidend wie beim Hund.

Auch bei unseren anderen Tieren steht für mich die Frage nach der Lebensqualität stets im Vordergrund. Bild: VitaliTier

Deine Entscheidungshilfe

Wenn du gerade vor dieser schweren Entscheidung stehst, nimm dir diese Fragen mit:

Für heute:

  • Hat mein Hund heute mehr gute als schlechte Momente?
  • Zeigt er noch Interesse an Dingen, die ihm früher Freude gemacht haben?
  • Kann ich seine Schmerzen ausreichend kontrollieren?

Für diese Woche:

  • Waren diese Woche mehr gute oder schlechte Tage?
  • Gibt es eine Aufwärtsentwicklung oder geht es bergab?
  • Würde ich als Hund so leben wollen?

Für die Zukunft:

  • Was sagt der Tierarzt über die weitere Entwicklung?
  • Welche realistischen Verbesserungen sind noch möglich?
  • Wie lange ist dieses Leben noch lebenswert?

Du kennst deinen Hund besser als jeder andere. Du liebst ihn mehr als jeder andere. Du wirst die richtige Entscheidung treffen – aus Liebe, zur richtigen Zeit, auf die richtige Weise. Und lass dich bei dieser Entscheidung unterstützen!

Die größte Liebe zeigt sich manchmal darin, loszulassen.

Hier endet diese Reihe – auch wenn es bestimmt nicht das letzte Mal, dass ich über die Herausforderungen durch das Leben mit einem chronisch kranken Hund schreiben werden.


Du findest alle Teile :

Chronisch kranker Hund – Die Diagnose

Chronische Erkrankungen beim Hund – Alltag gestalten

Kranker Hund – Hoffnung und Verzweiflung

Tierarztkosten und Geldsorgen beim chronisch kranken Hund

Urlaub mit krankem Hund – Geht das überhaupt noch?

Leichtigkeit und Spaß mit deinem chronisch kranken Hund