Es gibt eine neue Studie zum Thema Verletzungen und Risiken im Agility, insbesondere bzgl. des Stegs.
Der Steg gehört zu den anspruchsvollen Hindernissen im Agility – wenn wir bzgl. des Anspruchs bei dieser Hundesportart ein Ranking machen möchten. Drei schmale Planken, 30 Zentimeter breit, in über einem Meter Höhe – und das bei vollem Tempo.

Hundesport macht Spaß, birgt aber auch Risiken. Welches Risiko besteht beim Steg beim Agility?
Was viele Agility-Hundesportler sicherlich schon lange ahnten, bestätigt nun eine umfangreiche wissenschaftliche Studie aus Finnland: Der Steg birgt erhebliche Risiken für unsere Hunde.
In diesem Artikel schaue ich mir die wichtigsten Erkenntnisse der Studie an und was sie für uns und unsere Hunde bedeuten.
Die Zahlen bzgl. Agility bzw. das Verletzungsrisiko: Häufiger als gedacht
Die finnischen Forscherinnen haben Daten von über 1.600 Agility-Hunden ausgewertet – und die Ergebnisse sind durchaus bemerkenswert: Innerhalb von nur sechs Monaten waren etwa 15 Prozent der Hunde mindestens einmal vom Steg gefallen. Bei rund 30 Prozent kam es zu sogenannten Beinahe-Unfällen, also Situationen, in denen der Hund zwar auf dem Hindernis blieb, aber deutlich ins Straucheln geriet.
Hochgerechnet auf 1.000 Steg-Durchgänge bedeutet das: Etwa 2,6 Stürze und 8,4 Beinahe-Unfälle. Bei rund fünf Prozent aller Vorfälle kam es zu einer Verletzung, die eine Trainingspause erforderlich machte.
Welche Hunde sind im Agility besonders gefährdet?
Die Studie identifizierte mehrere Faktoren, die das Risiko für Steg-Unfälle erhöhen. Die spannendsten Erkenntnisse im Überblick:
Größere Hunde stürzen häufiger im Agility
Mit jedem Zentimeter mehr Widerristhöhe steigt das Risiko. Das leuchtet ein: Größere Hunde haben einen breiteren Stand, längere Schritte und einen höheren Körperschwerpunkt. Auf einer nur 30 cm breiten Planke bleibt weniger Spielraum für Korrekturen. Schon eine minimale seitliche Verlagerung des Schwerpunkts kann zum Sturz führen.
Junge und unerfahrene Hunde sind im Agility gefährdeter
Mit zunehmendem Alter und Erfahrungslevel sinkt das Unfallrisiko deutlich. Das hat vermutlich mehrere Gründe: Erfahrene Hunde haben bessere motorische Fähigkeiten entwickelt, kennen das Hindernis besser und haben gelernt, ihren Körper in der Bewegung zu kontrollieren. Also auch im Hinblick auf diese Erkenntnisse stellt sich die Frage, ab wann welches Agility-Training nicht nur sinnvoll, sondern auch fair ist…
Border Collies haben ein höheres Verletzungsrisiko
Interessanterweise stürzten Border Collies nicht häufiger als andere Rassen – aber wenn sie stürzten, verletzten sie sich öfter. Die Forscherinnen vermuten, dass dies mit ihrer höheren Geschwindigkeit zusammenhängen könnte, die bei einem Sturz zu stärkeren Aufprallkräften führt. Für mich stellt sich aber auch die Frage: Border Collies sind überproportional in diesem Hundesport vertreten, kann das die Zahl beeinflusst haben? Aus meiner Praxis-Erfahrung würde ich jedoch grundsätzlich bestätigen, dass Border Collies häufiger schwerwiegendere Verletzungen davon tragen als andere Hunde. Aber natürlich habe ich auch viele Border Collies bzw. Hütehunde bei mir in der Hundesporttherapie.

Jung, schnell und manchmal „kopflos“ – erhöhtes Risiko für Hütehunde
Überraschung: Running Contact vs. Stopped Contact – kein Unterschied
Entgegen der weit verbreiteten Annahme zeigte die Studie keinen signifikanten Unterschied im Unfallrisiko zwischen Hunden mit Running Contact und jenen mit Stopped Contact. Die Vermutung der Autorinnen: Viele Stürze passieren bereits auf der Aufgangsrampe oder am ersten Apex – also in Bereichen, in denen sich beide Techniken noch nicht unterscheiden. Was kann diese Erkenntnis für das Agility-Training bedeuten? Hier dürfen sich die Hundesportler und vor allem die Hundesport-Trainer gerne Gedanken machen.
Was führt zu Unfällen beim Steg im Agility?
Die Halter wurden auch gefragt, welche Faktoren ihrer Einschätzung nach zum Unfall beigetragen haben. Die häufigsten Nennungen waren: ein nicht gerader Anflug auf den Steg (über 45 %), hohe Geschwindigkeit beim Anflug (etwa 40 %), Handlingfehler oder Ablenkung durch den Hundeführer (etwa 27 %) sowie mangelnde Körperkontrolle oder Balance des Hundes (etwa 23 %).
Besonders interessant: Im Training wurden auch Ermüdung des Hundes und Ablenkungen aus der Umgebung als relevante Faktoren genannt.
Was bedeutet das für die Praxis im Hundesport Agility?
Die Studienautorinnen betonen, dass der aktuelle Steg in seiner Standardform ein Risiko für das Wohlbefinden von Agility-Hunden darstellt. Sie schlagen verschiedene Ansätze vor, die weiter untersucht werden sollten – darunter eine Anpassung der Hindernisbreite, Änderungen im Kursdesign (besonders beim Anflugwinkel), ein höheres Mindestalter für Kurse mit Steg sowie gezieltes neuromuskuläres Konditionstraining für Hunde. Alles Punkte, die ich als Sporthundetherapeutin unterstützen würde.
Körperbewusstsein und Balance: Der unterschätzte Faktor
Was mich an dieser Studie besonders zum Nachdenken gebracht hat: Die Hinweise auf mangelnde Körperkontrolle und Balance als Unfallfaktoren – und die Tatsache, dass Erfahrung und bessere motorische Fähigkeiten schützend wirken.
Das bedeutet im Umkehrschluss: Du kannst aktiv etwas dafür tun, dass dein Hunde sicherer über den Steg kommen. Nicht nur durch vorsichtiges Heranführen an das Hindernis selbst, sondern durch gezieltes Training von Körpergefühl, Koordination und Balance – am besten schon lange bevor der Hund das erste Mal auf einem Steg läuft.
Genau hier setzt gutes Fitness- und Koordinationstraining an. In meinem Basic-Hundefitnesskurs zum Selbstlernen lernst du zunächst das Grundlagen-Training für eine stabile Rumpfmuskulatur – Voraussetzung für sichereres Hundesport-Training. Zudem findest du bei mir Übungen für propriozeptives Training und Mobilisation. Das Training ist nicht nur für Agility-Hunde sinnvoll, sondern für jeden Hund, der sich sicher und körperbewusst durchs Leben bewegen soll.
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Fazit
Die finnische Studie liefert wichtige Daten zu einem Thema, das in der Agility-Community schon lange diskutiert wird. Sie zeigt, dass Steg-Unfälle keine Seltenheit sind und dass bestimmte Hunde – größere, jüngere, unerfahrenere – ein erhöhtes Risiko tragen.
Was ich aus dieser Studie mitnehme: Es geht nicht darum Hundesport zu „bashen“, sondern ihn sicherer für unsere Sporthunde zu gestalten – und gleichzeitig proaktiv handeln. Durch überlegtes Training, altersgerechtes Heranführen und gezieltes Fitness- und Koordinationstraining können wir dazu beitragen, dass unsere Hunde sicherer und selbstbewusster dieses anspruchsvolle Hindernis meistern.
Spannend für Hundesportler, Trainer und natürlich Hundephysiotherapeuten wären nun Studie zu den weiteren Agility-Geräten. Ich halte z.B. den Tunnel oder die Wippe für durchaus ebenso risiko-behaftet.