Wie ist denn nun die Wirkung von Nasenarbeit beim Hund? „Schnüffeln beruhigt den Hund.“ Diesen Satz hast du bestimmt schon hundert Mal gelesen. In Blogs, in Instagram-Posts, auf Hundetrainer-Seiten. Er klingt so logisch, dass ihn kaum jemand hinterfragt. Und vielleicht hast ihn sogar auch schon bei mir gelesen.
Aber was, wenn er nur halb stimmt?
Drei aktuelle Studien aus den Jahren 2024 und 2026 zeichnen ein differenzierteres Bild von dem, was Nasenarbeit im Körper und im Kopf deines Hundes wirklich auslöst. Die Ergebnisse widersprechen dem beliebten Narrativ nicht komplett – aber sie erweitern es um einen entscheidenden Punkt. Einen Punkt, der für dich als Hundebesitzer den Unterschied macht zwischen „Nasenarbeit als Beruhigungspille“ und „Nasenarbeit als echtes Werkzeug für einen ausgeglicheneren Hund.“
Und Spoiler: Die Realität ist sogar besser als der Mythos.

Entspannung für den Hund durch gezielte Nasenarbeit? Aber wie genau funktioniert es?
Die Wirkung im Körper deines Hundes bei Nasenarbeit
Beginnen wir mit der Studie, die alles in Gang gebracht hat.
Ein Forschungsteam der Universität Adelaide (Fountain et al., 2026) hat 21 Hunden während Scentwork-Aufgaben einen Herzfrequenzmesser angelegt – eine Methode, die in der Humanforschung seit Jahrzehnten eingesetzt wird, um das autonome Nervensystem zu lesen. Herzratenvariabilität (HRV) und Herzfrequenz verraten, ob der Sympathikus (Gaspedal, Aktivierung) oder der Parasympathikus (Bremse, Entspannung) gerade dominiert.
Das Ergebnis hat viele überrascht: Während der Nasenarbeit stieg die Herzfrequenz der Hunde signifikant an. Der Sympathikus – also das Aktivierungssystem – war aktiv. Die Hunde waren körperlich erregt, nicht im klassischen Sinne „entspannt“.
Aber – und das ist der entscheidende Punkt – gleichzeitig zeigten die Hunde keine einzigen Stressindikatoren. Im Gegenteil: Ihre Schwanzposition war hoch, ihre Körpersprache positiv und engagiert. Sie waren aktiviert, aber nicht gestresst.
In der Sprache des Nervensystems ist das ein ganz bestimmter Zustand: Flow. Sympathikus und ventraler Vagus arbeiten zusammen. Der Hund ist wach, konzentriert, in der Aufgabe – und fühlt sich dabei sicher. Es ist derselbe Zustand, in dem ein Mensch aufgeht, wenn er ein komplexes Rätsel löst oder ein Musikstück spielt, das ihn fordert, aber nicht überfordert.
„Aber mein Hund IST doch ruhiger nach der Nasenarbeit!“
Das stimmt – und die Forschung widerspricht dem nicht. Sie erklärt es nur anders.
Die gängige Erzählung lautet: Schnüffeln aktiviert den Parasympathikus und beruhigt den Hund direkt. So, als würdest du ein Baldrian-Bonbon lutschen.
Die Forschung zeigt: Nasenarbeit aktiviert den Sympathikus – aber auf eine gute Art. Dein Hund erlebt konzentrierte, positive Aktivierung. Und ein Hund, der artgerecht gefordert wurde, der seinen natürlichsten Sinn nutzen durfte, der Erfolgserlebnisse hatte, hat DANACH ein Nervensystem, das leichter in die Entspannung findet.
Der Unterschied ist subtil, aber wichtig:
Die alte Erklärung: Nasenarbeit beruhigt den Hund. (= passiv, wie ein Medikament)
Die neue Erklärung: Nasenarbeit versetzt den Hund in einen positiv aktivierten Zustand. Ein Hund, der regelmäßig Flow erlebt, kann sich danach besser selbst regulieren. (= aktiv, wie ein Training für sein Nervensystem)
Das ist ein gewaltiger Unterschied. Denn die alte Erklärung führt zu dem Missverständnis, dass du deinem Hund einfach eine Schnüffeldecke hinwerfen musst, wenn er unruhig ist – und dann wird er ruhig. Die neue Erklärung sagt: Nasenarbeit ist kein Sofort-Beruhiger. Sie ist ein Werkzeug, das deinem Hund über die Zeit hilft, ein besser reguliertes Nervensystem aufzubauen. Und so nutze ich die Schnüffelarbeit auch in meinem Online-Kurs „Ruhe-Rituale für Hibbel-Hunde“ – mit dem Hinweis, dass es eben nicht bei jedem Hund als „Beruhigungspille“ wirkt.
Und das ist, ehrlich gesagt, die viel bessere Nachricht. Denn ein Nervensystem, das regulieren gelernt hat, hilft deinem Hund nicht nur nach der Nasenarbeit – sondern in jeder Situation seines Lebens.
Was die zweite Studie zeigt: Nasenarbeit vs. Gehorsamkeitstraining
An der Tufts University in den USA (Sobol & Dowling-Guyer, 2026) wurden 35 Mensch-Hund-Teams zufällig in zwei Gruppen eingeteilt: Die eine Gruppe besuchte vierwöchige Scentwork-Kurse, die andere vierwöchige Gehorsamkeitskurse. Vor und nach den Kursen wurden Wohlbefinden, Verhalten und die Mensch-Hund-Bindung gemessen.
Die Ergebnisse waren gemischt – und gerade deshalb ehrlich:
Zwischen den Gruppen gab es keine signifikanten Unterschiede in den meisten Messungen. Hunde in Gehorsamkeitskursen verbesserten sich erwartungsgemäß in der Trainierbarkeit. Hunde in Scentwork-Kursen zeigten eine leichte Erhöhung der Hyperaktivität – wahrscheinlich, weil sie im Kurs lange warten mussten, während andere Hunde dran waren.
Aber ein Befund stach heraus: Besitzer von Scentwork-Hunden berichteten signifikant häufiger, dass sich die Lebensqualität ihres Hundes verbessert habe. Nicht das Verhalten, nicht die Trainierbarkeit – die Lebensqualität. Die Besitzer hatten das Gefühl, ihrem Hund etwas Gutes getan zu haben, das über Gehorsamkeit hinausgeht. Und mal ehrlich: Ist nicht die Steigerung der Lebensqualität das schönste Ziel überhaupt?
Was sagt uns das? Nasenarbeit ist kein Wundermittel, das alle anderen Trainingsformen überflüssig macht. Aber sie bietet etwas, das klassisches Gehorsamkeitstraining nicht in dieser Form bietet: artgerechte Erfüllung. Dein Hund darf das tun, wofür seine 300 Millionen Riechzellen gebaut wurden. Und das bemerkt er – und du auch. Lies gerne auch meinen Artikel „Faszination Hundenase: Warum Nasenarbeit so wichtig ist“.
Die neurobiologische Grundlage: Warum die Hundenase direkt mit Emotionen verbunden ist
Hier kommt die dritte Studie ins Spiel – ein umfassender Review von Berg, Mappes und Kujala (2024, Universität Jyväskylä, Finnland), der die neurobiologischen Grundlagen des Riechens bei Hunden zusammenfasst.
Ein Befund daraus ist besonders bemerkenswert: Forscher haben bei Hunden fünf myelinisierte Nervenbahnen zwischen der Nase und verschiedenen Gehirnbereichen identifiziert. Darunter:
Eine direkte Verbindung vom Riechhirn zum limbischen System – dem Emotionszentrum. Das bedeutet: Gerüche lösen bei deinem Hund unmittelbar emotionale Reaktionen aus. Ein bestimmter Geruch kann Freude, Aufregung, Angst oder Sicherheit auslösen – schneller als jeder visuelle oder akustische Reiz. Das kennst du vielleicht auch: Du riechst einen bestimmten Duft und sofort kommen die Erinnerungen an deine Oma in dir hoch.
Eine Verbindung zum Hippocampus – dem Gedächtniszentrum. Gerüche werden tief im Gedächtnis verankert. Dein Hund erinnert sich an Orte, Menschen und Situationen über Gerüche – wahrscheinlich intensiver als über Bilder.
Und eine kürzlich entdeckte Verbindung zwischen Riechhirn und visuellem Cortex – die erste, die bei Säugetieren nachgewiesen wurde. Das deutet darauf hin, dass Hunde beim Riechen möglicherweise „innere Bilder“ erzeugen. Wenn dein Hund einen Geruch aufnimmt, sieht er möglicherweise vor seinem inneren Auge, wozu dieser Geruch gehört.
Warum ist das für die Wirkung von Nasenarbeit relevant? Weil es zeigt, dass Schnüffeln für deinen Hund keine simple sensorische Aktivität ist. Es ist ein „Ganzhirn-Erlebnis“: kognitiv, emotional, motorisch und sozial zugleich. So viele Gehirnbereiche werden gleichzeitig aktiviert. Und genau deshalb ist Nasenarbeit so wirkungsvoll – nicht weil sie „beruhigt“, sondern weil sie das Gehirn deines Hundes auf die umfassendste Art fordert und fördert, die es gibt.
Was diese Wirkungen für dich und deinen Hund bedeuten
Wenn du Nasenarbeit bisher als „Beruhigungsmittel“ eingesetzt hast, bist du nicht falsch gefahren – aber du hast die halbe Geschichte verpasst. Hier ist das vollständige Bild:
Nasenarbeit ist keine Entspannung. Sie ist artgerechte Auslastung, die ZUR Entspannung führt.
Ein Hund, der regelmäßig seine Nase einsetzen darf, erlebt Flow – positive Aktivierung ohne Stress. Sein Nervensystem lernt, zwischen Aktivierung und Ruhe zu wechseln. Und ein Nervensystem, das diesen Wechsel beherrscht, ist ein Nervensystem, das sich selbst regulieren kann.
Das ist der Mechanismus, den wohl die wenigsten Hundetrainer-Blog bisher so erklärt hat. Und es ist der Grund, warum Nasenarbeit gerade für die folgenden Hunde so wertvoll ist:
Für hibbelige, unruhige Hunde: Nicht weil Nasenarbeit sie „herunterfährt“, sondern weil sie ihrem überaktiven Nervensystem beibringt, einen positiven Aktivierungszustand zu erleben, aus dem heraus der Weg in die Ruhe kürzer ist als aus unkontrollierter Aufregung. Wenn du noch mehr Rituale für deinen aufgeregten oder gestressten Hund suchst: Schau dir unbedingt meinen Online-Kurs dazu an!
Für ängstliche Hunde: Weil Nasenarbeit Erfolgserlebnisse bietet, Selbstvertrauen aufbaut und dem Hund zeigt, dass er eigenständig Probleme lösen kann – ohne dass die Welt dabei gefährlich ist. Mehr Ideen für Angsthunde findest du übrigens in meinem Artikel „Beschäftigung für Angsthunde sowie gestresste und sensible Hunde“.
Für alte Hunde: Weil Nasenarbeit das Gehirn fordert, ohne den Körper zu überlasten. Die Verbindung zum Hippocampus (Gedächtniszentrum) legt nahe, dass Nasenarbeit die kognitive Gesundheit im Alter unterstützt – genau wie geistige Aktivität beim Menschen vor Alzheimer schützt. Wie wichtig das geistige Fit-Halten ist und welche schönen Möglichkeiten du dafür hast, erfährst du in meinem Artikel „Hund geistig fit halten“ .
Für Hunde nach Verletzungen oder OPs: Wenn körperliche Aktivität eingeschränkt ist, bietet Nasenarbeit eine Möglichkeit, den Hund geistig auszulasten, ohne den Körper zu belasten. Hierzu empfehle ich dir zum einen einen weiteren Blogartikel über Nasenarbeit beim Hund von mir und zum anderen meine 0,-EUR Checklisten rund um OPs beim Hund.
3 Dinge, die du beim nächsten Schnüffelspiel anders machen kannst
Basierend auf dem, was die Forschung zeigt, hier drei konkrete Tipps:
1. Erwarte die Ruhe NACH der Nasenarbeit, nicht währenddessen.
Wenn dein Hund während der Suchaufgabe aufgedreht wirkt – das ist kein Problem. Das ist Flow. Lass ihn arbeiten. Die Ruhe kommt danach, wenn sein Nervensystem von der positiven Aktivierung in die Erholung wechselt. Gib ihm nach der Nasenarbeit Zeit und Raum, in die Entspannung zu gleiten. Kein Programm, keine neue Aufgabe. Einfach sein lassen. <!– Verlinkung: Entspannungsübung Hund und Mensch –>
2. Baue Nasenarbeit regelmäßig ein – nicht nur als Notfallmaßnahme.
Die Wirkung von Nasenarbeit entfaltet sich über die Zeit. Es geht nicht darum, deinem Hund eine Schnüffeldecke hinzuwerfen, wenn er gerade unruhig ist, und zu hoffen, dass er sofort ruhig wird. Es geht darum, seinem Nervensystem regelmäßig die Erfahrung von Flow zu geben – damit es lernt, zwischen Aktivierung und Ruhe zu pendeln. 10–15 Minuten am Tag reichen.
3. Lass deinen Hund selbstständig arbeiten.
Die Forschung zeigt: Hunde, die eigenständig suchen und entscheiden dürfen, profitieren am meisten. Nicht du führst ihn zur Lösung – er findet sie selbst. Das stärkt sein Selbstvertrauen und seine Fähigkeit zur Selbstregulation. Halte dich zurück, beobachte, vertraue seiner Nase. Und warum nicht gleich in „ernsthaftere“ Nasenarbeit einsteigen statt „nur“ Leckerli-Suche? Mehr zu einer besonders tollen Form der Nasenarbeit findest du bei mir unter Scent Detection.
Warum diese Differenzierung bei der Wirkung der Nasenarbeit für deinen Hund wichtig ist
Du denkst vielleicht: „Ist doch egal, ob Nasenarbeit direkt beruhigt oder indirekt – Hauptsache, mein Hund ist danach ruhiger.“
Aber die Unterscheidung hat praktische Konsequenzen:
Wenn du glaubst, Nasenarbeit sei ein direktes Beruhigungsmittel, wirst du frustriert, wenn dein Hund WÄHREND der Nasenarbeit aufgedreht wirkt. Du denkst, es funktioniert nicht. Du probierst etwas anderes. Und verpasst genau das Werkzeug, das deinem Hund langfristig helfen würde.
Wenn du verstehst, dass Nasenarbeit über den Weg der positiven Aktivierung wirkt, wirst du gelassener. Du lässt deinen Hund arbeiten, siehst seine Aufregung als Flow statt als Problem, und weißt: Die Ruhe kommt – nicht jetzt, aber sie kommt. Und sie kommt mit jeder Woche regelmäßiger Nasenarbeit ein bisschen schneller.
Das ist der Unterschied zwischen einer schnellen Lösung und einem nachhaltigen Werkzeug. Und genau deshalb ist die Erkenntnis der Forschung so wertvoll: Sie zeigt dir, warum Nasenarbeit funktioniert – und gibt dir die Geduld, dranzubleiben.
Du möchtest Nasenarbeit professionell angehen?
Wenn du Nasenarbeit nicht nur als Schnüffelspiel auf der Wiese machen möchtest, sondern als strukturiertes Training mit deinem Hund aufbauen willst, schau dir mein Scent-Detection-Training an. Dort lernst du, wie du deinem Hund beibringst, gezielt nach bestimmten Gerüchen zu suchen – ein Training, das seine kognitiven Fähigkeiten auf ein ganz neues Niveau hebt.
Und wenn dein Hund eher zur hibbeligen, unruhigen Sorte gehört und du nach einem ganzheitlichen Konzept für mehr Ruhe suchst: In meinem Kurs „Ruhe-Rituale für Hibbel-Hunde“ ist Nasenarbeit ein wichtiger Baustein – eingebettet in ein Gesamtkonzept aus Entspannungsübungen, Alltagsstruktur und Nervensystemregulation. Weil ein einzelnes Werkzeug selten reicht – aber das richtige Zusammenspiel alles verändern kann.
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Quellen:
– Fountain, J. et al. (2026). Heart rate variability and behavioural responses of dogs during scentwork. Applied Animal Behaviour Science, 299, 106986.
– Sobol, S. & Dowling-Guyer, S. (2026). Effects of scentwork and traditional training classes on dog welfare, behavior, and human-dog bond. Applied Animal Behaviour Science, 297, 106924.
– Berg, P., Mappes, T. & Kujala, M.V. (2024). Olfaction in the canine cognitive and emotional processes. Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 157, 105527.
– Duranton, C. & Horowitz, A. (2019). Let me sniff! Nosework induces positive judgment bias in pet dogs. Applied Animal Behaviour Science, 211, 61–66.