Ellbogendysplasie (ED) ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene orthopädische Erkrankungen, die den Ellenbogenkomplex von Hunden betreffen. Sie führt zu Schmerzen, Lahmheit und letztlich zu degenerativen Gelenkveränderungen wie Arthrose. ED tritt vor allem bei großen und schnell wachsenden Hunderassen auf, kann aber letztlich jeden Hund treffen und führt in der Regel bereits in jungen Jahren zu erheblichen Beschwerden. Dieser Artikel beleuchtet die Entstehung und Ursachen, Symptome sowie die unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten der Ellbogendysplasie.

Der Skelettaufbau eines Hundes

ED, HD, Spondylose & Co – ein Hund kann vieles gleichzeitig haben

Entstehung und Ursachen

Ellbogendysplasie umfasst mehrere spezifische Erkrankungen, darunter:

  1. Fragmentierter Processus coronoideus (FCP): Dies bezeichnet einen Bruch oder eine Ablösung des Processus coronoideus medialis der Ulna. Die genaue Ursache für FCP ist nicht vollständig geklärt, doch es wird angenommen, dass genetische Faktoren eine bedeutende Rolle spielen. Diese Anomalie führt zu ungleichmäßigen Belastungen und Mikrofrakturen, die schließlich zum Abbruch des Knochensegments führen.
  2. Osteochondrosis dissecans (OCD): Eine Entwicklungsstörung des Gelenkknorpels, bei der sich ein Knorpelstück ablöst. OCD entsteht durch eine gestörte Verknöcherung des Knorpels, was zu einer dicken, unregelmäßigen Knorpelschicht führt, die sich schließlich vom darunterliegenden Knochen löst. Faktoren wie schnelle Wachstumsraten, Übergewicht und genetische Prädispositionen tragen zu dieser Erkrankung bei.
  3. Isolierter Processus anconeus (IPA): Diese Anomalie tritt auf, wenn der Processus anconeus der Ulna nicht ordnungsgemäß mit dem Hauptknochen fusioniert. Die fehlende Verknöcherung führt zu Instabilität und Schmerzen im Gelenk. Die Ursachen sind größtenteils genetisch bedingt, aber auch Ernährungs- und Umweltfaktoren können eine Rolle spielen.
  4. Inkongruenz des Ellenbogengelenks: Eine Fehlstellung der Gelenkflächen, die zu ungleichmäßiger Belastung und Verschleiß führt. Diese Inkongruenz kann aufgrund unterschiedlicher Wachstumsraten von Radius und Ulna auftreten, was zu einem Missverhältnis der Gelenkoberflächen und erhöhtem Verschleiß führt.

Die Ursachen der ED sind multifaktoriell und beinhalten genetische Prädisposition, schnelle Wachstumsphasen, Ernährung und Traumata. Genetische Faktoren spielen eine wesentliche Rolle, da bestimmte Rassen wie Deutsche Schäferhunde, Labrador Retriever und Bernhardiner eine höhere Prävalenz aufweisen. Ernährungsfaktoren, insbesondere übermäßige Energie- und Kalziumzufuhr im Welpenalter, können das Wachstum und die Entwicklung der Gelenke beeinträchtigen.

Etwas, dass immer noch zu unbekannt oder unterschätzt wird: Der Faktor Hüfte! Oft ist ED mit einer HD, also einer Hüftdysplasie, verbunden. Durch die Schmerzhaftigkeit der Hüften und Wirbelsäule entsteht bereits beim Welpen eine Fehlhaltung und kompensatorische Bewegungsmuster. Zeigt dein Hund also Probleme in der Vorhand gehört meiner Erfahrung nach immer auch ein „Blick“ auf die Hinterhand geworfen!

 

Symptome

Die Symptome der Ellbogendysplasie variieren je nach Schweregrad und spezifischer Erkrankung, umfassen jedoch typischerweise:

  • Lahmheit: Besonders nach dem Aufstehen oder intensiver körperlicher Aktivität. Lahmheit kann intermittierend sein, oft verschlimmert durch Bewegung und verbessert durch Ruhe. In fortgeschrittenen Fällen kann eine dauerhafte Lahmheit beobachtet werden. Die erste Lahmheit zeigt sich oft im Alter von 4-6 Monate!
  • Schmerzen: Bei Manipulation des Ellenbogengelenks, insbesondere bei Streckung oder Beugung. Hunde zeigen oft Anzeichen von Schmerz durch Lecken oder Beißen am betroffenen Gelenk oder durch Vermeidung bestimmter Bewegungen. Also Folge erfolgt eine Bewegungseinschränkung dieses Gelenkes auf Dauer.
  • Schwellung und Wärme: Im Bereich des betroffenen Gelenks. Eine Entzündung kann zu sichtbarer Schwellung und erhöhter Temperatur im Bereich des Ellenbogens führen. Mit der Zeit „verdicken“ die Gelenke u.a. durch die entstehende Arthrose.
  • Bewegungseinschränkungen: Hunde vermeiden oft bestimmte Bewegungen oder zeigen einen reduzierten Bewegungsumfang. Sie könnten Schwierigkeiten beim Aufstehen, Treppensteigen oder Springen haben. Auch in Wendungen schonen sie die stärker betroffene Gliedmaße.
  • Muskelatrophie: Durch chronische Lahmheit und Schonung kann es zu Muskelabbau kommen. Betroffene Hunde könnten sichtbare Muskelverluste im betroffenen Bein zeigen, was zu einer asymmetrischen Körperhaltung führt.

Diagnostik

Die Diagnostik der ED umfasst eine gründliche klinische Untersuchung und bildgebende Verfahren:

  • Klinische Untersuchung: Eine detaillierte körperliche Untersuchung, bei der der Tierarzt das betroffene Gelenk palpieren, auf Schwellungen prüfen und den Bewegungsumfang testen wird.
  • Röntgenaufnahmen: Standardmäßig zur Beurteilung von Knochenanomalien, Frakturen und degenerativen Veränderungen. Verschiedene Winkelaufnahmen können notwendig sein, um alle Aspekte des Gelenks zu visualisieren.
  • Computertomographie (CT): Liefert detaillierte Querschnittsbilder und ist besonders nützlich zur Beurteilung komplexer Gelenkstrukturen und zur Identifizierung von FCP.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Besonders hilfreich zur Beurteilung von Weichteilstrukturen und Knorpelschäden. MRT bietet eine hohe Detailgenauigkeit bei der Darstellung von Gelenk- und Knorpelstrukturen.

Eine genaue Diagnose ist entscheidend für die Wahl der geeigneten Therapie. Der Einsatz dieser bildgebenden Verfahren hilft, die spezifische Art und das Ausmaß der Ellbogendysplasie zu bestimmen.

Behandlungsmöglichkeiten

Ich sage immer: „ED ist eine Bit**“. Mein größter Albtraum als Hundehalterin ist u.a. die ED. Leider habe ich nun einen stark betroffenen Hund zuhause und kenne folglich nicht nur die therapeutische Seite dieser fiesen Erkrankungen, sondern auch das Leid für die Hundehalter.

Chirurgische Behandlung

Die chirurgische Intervention ist oft bei schweren Fällen von ED erforderlich, insbesondere wenn konservative Maßnahmen keine ausreichende Linderung bringen. Zu den häufigsten chirurgischen Techniken gehören:

  1. Arthroskopie: Eine minimalinvasive Methode zur Entfernung von losen Knorpel- oder Knochenteilen. Sie ermöglicht eine direkte Visualisierung und Behandlung der betroffenen Gelenkstrukturen. Der Eingriff erfolgt durch kleine Schnitte, wodurch die postoperative Erholungszeit verkürzt und das Infektionsrisiko minimiert wird.
  2. Ulnaosteotomie: Durchtrennung und Neuausrichtung der Ulna zur Verbesserung der Gelenkstellung und Reduktion der Belastung. Diese Technik wird angewendet, wenn eine Inkongruenz des Ellenbogengelenks vorliegt. Die Korrektur der Knochenlänge und -ausrichtung kann die Belastungsverteilung im Gelenk verbessern und die Symptome lindern.
  3. Fixierung des Processus anconeus: Bei isoliertem Processus anconeus wird dieser stabilisiert und fixiert, um die Heilung zu fördern. Diese Methode beinhaltet die chirurgische Fixierung des Processus anconeus mit Schrauben oder Stiften, um eine ordnungsgemäße Knochenheilung zu ermöglichen und die Gelenkstabilität wiederherzustellen.
Konservative Behandlung

Die konservative Therapie umfasst eine Kombination aus Schmerzmanagement, ggf. Gewichtsreduktion, kontrollierter Bewegung und Physiotherapie. Zu den wesentlichen Aspekten gehören:

  1. Medikamentöse Therapie: Einsatz von nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAIDs) zur Schmerzlinderung und Entzündungshemmung. In einigen Fällen können auch Kortikosteroide oder Schmerzmittel wie Tramadol verschrieben werden.
  2. Ernährungsmanagement: Gewichtskontrolle durch angepasste Fütterung, um die Belastung der Gelenke zu minimieren. Eine kalorienarme Diät hilft, Übergewicht zu verhindern, das die Gelenkbelastung erhöht. Spezielle Diäten mit Gelenknährstoffen wie Omega-3-Fettsäuren, Glucosamin und Chondroitin können unterstützend wirken.
  3. Kontrollierte Bewegung: Regelmäßige, moderate Bewegung zur Aufrechterhaltung der Gelenkbeweglichkeit und Muskelkraft. Übermäßige Belastung sollte vermieden werden, stattdessen sind Aktivitäten wie Spaziergänge auf ebenem Untergrund und Schwimmen zu bevorzugen, um die Gelenke zu schonen. Genauso wie passendes Hundefitnesstraining bzw. aktive Bewegungstherapie.
Physiotherapeutische Behandlung

Physiotherapie spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung von ED, sowohl prä- als auch postoperativ sowie auf Dauer. Die physiotherapeutischen Maßnahmen umfassen u.a.:

  1. Passive Bewegungsübungen: Zur Verbesserung der Gelenkbeweglichkeit und Reduktion von Steifheit. Diese Übungen beinhalten sanfte Beugungs- und Streckungsbewegungen des betroffenen Gelenks, die vom Therapeuten durchgeführt werden.
  2. Muskelaufbau: Durch gezielte Übungen zur Stärkung der Muskulatur und Stabilisierung des Gelenks. Stärkungsübungen, die auf die umgebende Muskulatur abzielen, tragen dazu bei, die Gelenkstabilität zu verbessern und die Belastung der Gelenkstrukturen zu verringern.
  3. Osteopathie: Die sanften Techniken der Osteopathie können die Folgeerscheinungen der ED abmildern. Durch die Fehlbewegungen entstehen immer weitere Folgeschäden, die es gilt so gut es geht aufzufangen.
  4. Lasertherapie und Elektrotherapie: Zur Schmerzlinderung und Förderung der Heilung. Diese Techniken können helfen, Entzündungen zu reduzieren, Schmerzen zu lindern und die Heilung von Geweben zu beschleunigen.
  5. Akupunktur: Verschiedene Punktkombinationen können zur Schmerzreduktion führen und somit dem Organismus helfen.
Passive Gelenksbewegungen

Passive Gelenksbewegungen als Teil der Therapie bei Ellbogendysplasie

Langzeitmanagement und Prävention

Das Langzeitmanagement der Ellbogendysplasie umfasst  angepasste Bewegung und fortlaufende physiotherapeutische Maßnahmen. Erfahrungsgemäß entsteht leider auch nach den Operationen zügig Arthrose. Wichtig ist, die Bewegungsausmaß des Gelenkes so lange wie möglich so gut wie möglich zu erhalten. Viele Patienten kommen leider irgendwann an den Punkt, an dem die Lahmheit dauerhaft besteht.

Präventiv ist es wichtig, dass eine stärkere Zuchthygiene stattfindet und dass der Zustand der Hinterhand stets mit bedacht wird.